19.12.1944 – ein Gedicht aus der Zelle des Nazi-Regimes wird zum Jahreswechsel-Klassiker …

Vor 70 Jahren im Grauen des Nazi-Regimes, als Anhang zu einem Liebesbrief gedichtet, avanciert dieser Text zum Klassiker der „Frommen“ an Jahreswechseln und runden Geburtstagen …

Dietrich Bonhoeffer (* 1906 in Breslau, † 09.04.1945 im KZ Flossenbürg) schrieb am 19.12.1944 an seine Maria von Wedemeyer (* 1924, † 1977) – nachdem er zwei Absätze zuvor ganz praktische Dinge über Unterhosen und Hosenträger nachfragt:

„Es sind nun fast 2 Jahre, dass wir aufeinander warten, liebste Maria. Werde nicht mutlos! Ich bin froh, daß Du bei den Eltern bist. Grüße deine Mutter und das ganze Haus sehr nett von mir. Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachtsgruß für Dich und die Eltern und Geschwister.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
Das Heil, für das du uns bereitet hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Sei mit Eltern und Geschwistern in großer Liebe und Dankbarkeit gegrüßt.
Es umarmt Dich
Dein Dietrich“

Quelle: Ich kann vor Liebe nicht mehr schreiben von Arndt E. Schnepper
Brockhaus R. Verlag GmbH (2011), Hardcover, Seite 108-109

Ich kann vor lauter Liebe nicht mehr schreiben
Ich kann vor Liebe nicht mehr schreiben
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