Ahnenforschung: Ich hatte einen Ahn in Afrika

Von seinem Urgroßvater wusste unser Autor nur, dass er Missionar war. Er wollte mehr über ihn erfahren – und lernte viel über sich selbst. Eine Reportage von Tillmann Prüfer

ZEITmagazin Nr. 24/2015 11. Juni 2015

Ich würde gerne behaupten, meine journalistische Neugierde, mein Entdeckergeist und nicht zuletzt meine Unerschrockenheit hätten mich nach Afrika getrieben. Doch es war meine Mutter. Meine Mutter, 67 Jahre, ist pensioniert, sie hat jetzt Zeit. Und sie ist die Enkelin von Bruno Gutmann, der in der Zeit zwischen 1902 und 1938 Missionar in Ostafrika war, als Kind hat sie ihn noch kennengelernt. Sie hatte die Idee, zum Kilimandscharo zu reisen. Mit ihrem Ehemann, ihrer Enkelin Anna, meiner Schwester und mir. Und so kam es. Meine Mutter war 30 Jahre lang Grundschullehrerin, sie versteht es, sich durchzusetzen. Wir stiegen also in ein Flugzeug, um nach Moshi in Tansania zu fliegen. Einer Stadt am Fuße des Kilimandscharo-Massivs.

Es wurde eine Expedition in ein Land, das mit unserer Welt viel enger verwoben ist, als wir denken. Weil es von unseren Urgroßeltern mitgeprägt wurde. Es wurde eine Reise zurück in eine Ära, von der wir nicht mehr viel wissen und wohl auch nicht viel wissen wollen: in die Zeit, als der Kilimandscharo der höchste Berg Deutschlands war und das Deutsche Kaiserreich eine Kolonialmacht.

Am Kilimanjaro Airport empfängt uns der Geruch von verbranntem Gummi und Hibiskus. Die Laternen vor dem Terminalgebäude sind umflattert von Fledermäusen, die dort nach Insekten jagen. Mir fällt der Tropenarzt in Berlin ein, der gesagt hat, ich solle mich vor den Fledermäusen in Tansania in Acht nehmen, die hätten häufig Tollwut. Da höre ich schon eine laute, tiefe Stimme: „Welcome home!“ Ein großer Mann mit grauen Haaren winkt uns zu. Es ist Reverend Saria, der Geistliche der lutherischen Kirche am Kilimandscharo. Er lacht, stürzt auf meine Mutter zu und herzt sie wie eine alte Bekannte, die er lange nicht mehr getroffen hat: „So good to see the Gutmanns.“

Bruno Gutmann auf einem undatierten Foto
Bruno Gutmann auf einem undatierten Foto © privat

Wer war dieser Bruno Gutmann, mein Urgroßvater? Von mir hätte er wahrscheinlich keine hohe Meinung. „Werdet keine Zeitungshalunken“, mahnte er einmal in einem Brief an seine beiden Söhne. Die Zeitungen, die Parteien, das Kino: Vieles, was man zur modernen westlichen Zivilisation zählen konnte, war ihm ein Graus. Mein Urgroßvater war ein frommer Mann. Er wollte den Schrecken der Zivilisation entfliehen. Und er floh, kaum 25 Jahre alt, so weit er konnte. Bis zum Kilimandscharo, dem heiligen Berg des Chagga-Volkes in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Bei den Chagga übernahm er die Leitung einer evangelischen Gemeinde und baute ein Krankenhaus. Ich kannte ihn nur von einem Bild, das im Wohnzimmer meiner Oma hing. Ein Mann mit schmalem Gesicht und spitzem Bart. Ihm war anzusehen, dass er so viel Humor hatte wie eine Quitte.

Mein Urgroßvater war von der Leipziger Mission ausgesandt worden, einer von vielen Missionsvereinigungen, die Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden waren. Die Leipziger Mission gibt es heute noch. Ich hatte sie vor unserer Abreise angeschrieben, und man hatte mich in einer E-Mail gewarnt, wir könnten als Nachfahren von Bruno Gutmann unmöglich unangemeldet an den Kilimandscharo reisen, das würde als Beleidigung aufgefasst werden, Bruno Gutmann sei dort noch ein sehr bekannter Mann und werde als Apostel verehrt. Es müsse schon ein offizieller Besuch sein. Ich wusste nicht, dass ich ein Nachfahr eines Apostels bin, ich wusste überhaupt kaum etwas über die Mission. Und nicht viel mehr über Deutschlands Rolle in Afrika. Aber ich sollte bald einiges erfahren.

Wenn wir heute von Afrika sprechen, dann ist meist von Hunger, Seuchen und Bürgerkriegen die Rede. Afrika erscheint uns als unheimliche Welt. Wir sehen den Kontinent als eine Bedrohung für unseren Wohlstand. Es ist ein fremdes Gebiet, das uns kaum vertrauter ist als den Menschen vor hundert Jahren. Doch die Staaten Afrikas, die uns heute so fremd sind, wurden von unseren Vorfahren geprägt – ausgebeutet und zum Teil auch aufgebaut. Wir Deutschen haben kein kolonialgeschichtliches Bewusstsein. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust stehen als riesige Mahnmale in unserer Geschichte und versperren den Blick auf alles, was davor war. Wer weiß schon noch, dass die Deutschen in Ostafrika 1905 einen der größten Kolonialkriege geführt haben, die es bis dahin gab? Wer weiß, dass 650.000 Afrikaner im Ersten Weltkrieg in Ostafrika starben? In Tansania weiß man das. Man weiß aber auch, dass die Deutschen, die hier vor hundert Jahren waren, viel Gutes getan haben. „This all is Gutmann land“, sagt Reverend Saria am Steuer seines Landcruisers, der durch die Nacht fährt, nach Moshi, in die Stadt, in der mein Urgroßvater seine Missionsstation hatte. Reverend Saria lobt die Eisenbahn, die die Deutschen gebaut haben. Alle Schienen und Bahnhöfe seien noch intakt. Die Loks, die hier in Betrieb seien, würden in Deutschland im Museum stehen, sagt Saria. Er sei schon mal in Deutschland gewesen und sei dort auch mit der Bahn gefahren. „Uh! Fast!“ – viel zu schnell. In Tansania seien die Züge langsam wie Kühe, sagt er, das sei viel sicherer. „This is all Gutmann land!“, ruft der Reverend noch einmal. Gutmann habe den weißen Leuten in Deutschland ins Gesicht geschlagen, wenn sie ihn gefragt hätten, wie die Wilden in Afrika so seien: Wilde kenne er nur im Westen. Er machte sich auch äußerst unbeliebt bei den Kolonialbehörden, weil er einen deutschen Farmer, der seine Angestellten geschlagen hatte, anzeigte. Dann teilt uns Saria mit, dass in dem Hotel, in dem wir untergebracht sind, leider kein Alkohol gereicht werde. Ich sage, das sei kein Problem. Wenn mein Urgroßvater sein Lebtag keinen Alkohol getrunken habe, könnten wir das auch ein paar Tage aushalten. Saria legt mir die Hand auf den Kopf und strubbelt mir die Haare. Er findet mich wohl niedlich. „Gutmann“, sagt er: „the best.“ Mein Urgroßvater war ein Handwerkersohn aus Dresden. Seine Mutter starb an Tuberkulose, als er sechs war. Mit zehn arbeitete er in einer Gießerei. Das Leben im gerade erst gegründeten Deutschen Reich hatte ihm nicht viel mehr zu bieten als Entbehrung, Ermüdung, Krankheit – und Gott. Er war sehr fromm erzogen worden. Das machte ihn zu einem typischen Anwärter für die Mission. Seminare wie das der Leipziger Mission waren damals eine Chance für jene, die keinen Zugang zur Bildung hatten. Wer sich der Missionsarbeit verschrieb, bekam eine Ausbildung in Theologie, Latein und den Sprachen der Missionsgebiete. Die jungen Missionare lernten auch, wie man selbst ein Haus baut. Die Missionen zogen zu Hunderten junge gläubige Menschen an. Wenige von ihnen waren Teil der bürgerlichen Elite. Von einem Leben in Indien oder Ostafrika träumten eher die Menschen, denen jeder Ort auf der Erde vielversprechender schien als Deutschland. Die Mission war keine Initiative der Landeskirchen oder gar des Kaisers. Vielmehr waren es private Vereine, geführt von christlichen Enthusiasten, die die Heilsbotschaft auf der Welt verbreiten wollten. Für manche war jeder Andersgläubige ein Ungläubiger – und einige folgten einer rassistischen Ideologie, wonach die Eingeborenen „kranke Kinder“ seien, deren Seelen man heilen müsse. Das war die eine Seite der Mission. Die andere war, dass die Missionsvereine in ihren Kerngebieten ein Bildungs- und Gesundheitsprogramm starteten, das ohne Beispiel war. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es weltweit 598 deutsche Missionsstationen und 2023 Missionsschulen.

Während etwa in Deutsch-Ostafrika die Kolonialregierung vor allem daran interessiert war, die Bevölkerung als Arbeitskräfte in den Kaffeeplantagen einzusetzen, begannen die Missionare, Schulen und Krankenhäuser zu bauen. In den christlichen Krankenhäusern überlebten viel mehr Kinder und Mütter die Geburt. Und die christlichen Schulen vermittelten auch jenen Menschen Bildung, die nicht Günstlinge des Häuptlings waren. Plötzlich hatten auch Ausgestoßene und Waisen eine Perspektive. Nicht die Verhältnisse im Jenseits, sondern die im Diesseits waren überzeugend – deshalb verbreitete sich das Christentum so schnell.

Die Mutter des Autors mit Massai
Die Mutter des Autors mit Massai © Annette Prüfer

Saria ist Reverend der örtlichen Diözese, die südlich des Kilimandscharo liegt, mit einer Ausdehnung von etwa 40 mal 40 Kilometern ungefähr so groß wie das Gebiet, das mein Vorfahr einmal betreut hat. Die Verehrung, die mein Urgroßvater hier erfährt, hat einen Grund. Als er an den Kilimandscharo kam, war die Kultur der Chagga schon im Untergang begriffen. Es gab keine Schriftsprache am Kilimandscharo, alles Wissen wurde mündlich überliefert. Doch als die Kolonialmächte kamen mit ihren Eisenbahnen, Kinos, Wellblechdächern und Gewehren, schien alles Gelernte plötzlich überflüssig. Die Leute fingen an, in den Plantagen zu arbeiten, um Geld für die neu eingeführten Steuern zu verdienen. Die jungen Männer gingen nach Mombasa. Die Familien zerbrachen. Alles, was die Chagga einmal ausgemacht hatte, erkannte Bruno Gutmann, würde bald verloren sein. Also ließ er sich von den Alten sämtliche Fabeln, Märchen und Riten erzählen, notierte das Rechtssystem und die Gesänge. Er schrieb mehr als 30 Bücher. Das meiste, was die Chagga heute über ihre Kultur wissen, wissen sie durch Bruno Gutmann. Sie sind einer der wenigen Stämme Ostafrikas, deren Geschichte so gut dokumentiert ist. Deswegen nennt Saria Bruno Gutmann „unseren Altvater“.

Wir besuchen die Kirche meines Urgroßvaters. Sie sieht aus wie eine deutsche Dorfkirche, nur dass sie inmitten von Bananenstauden und Zypressen steht. Die Bäume hat zum Teil noch mein Urgroßvater gepflanzt. Neben dem Kircheneingang ist ein kleiner Bereich mit einem Mäuerchen eingefasst. Dort hatte mein Urgroßvater sein Grab vorgesehen. Während des Zweiten Weltkrieges musste er jedoch in Deutschland ausharren. Danach ließ die Mission ihn nicht mehr zu seiner Gemeinde in Afrika zurück. Seinen Lebensabend verbrachte er in einem Dorf in Mittelfranken, wo er Bärlauch im Wald pflückte.

Neben der kleinen Missionskirche steht ein riesiges modernes Gotteshaus. Die alte Kirche wird heute nur noch für besondere Veranstaltungen genutzt. Gerade sind von drinnen Trommeln und Keyboardmusik zu hören. Die Tanzgruppe will eine DVD aufnehmen. Überhaupt hat hier jeder etwas vor, ständig werden wir gefragt, ob wir nicht irgendwo helfen können. Ich hatte das dümmliche Vorurteil, Tansania sei ein lethargisches Land, aber bei den Chagga scheint jeder irgendein Business laufen zu haben. Wer Bananen hat, verkauft sie am Straßenrand, wer Holz hat, macht es zu Holzkohle und verkauft die. Wer ein Auto hat, vermietet es. Wir lernen sogar jemanden kennen, der auf seinem Grundstück gerade ein Betonfundament legt, um in Handarbeit ein Einkaufszentrum zu errichten. Er sagt: „Ihr habt einen ziemlichen Vorsprung in Deutschland. Aber Afrika holt auf.“

Manche, die wir treffen, waren schon in Deutschland. Auch heute noch ist der Kontakt der Chagga-Gemeinden mit der Leipziger Mission rege. Regelmäßig werden Tansanier nach Deutschland eingeladen. Was sie von dort berichten, klingt allerdings nicht danach, als ob sie unbedingt tauschen wollten. „Ich fand die Eiscreme toll“, sagt eine Frau, die in Dresden war. „Aber ich würde die Sonne vermissen.“

Tansania ist noch heute eines der ärmsten Länder der Welt. Es ist etwa doppelt so groß wie Deutschland und hat halb so viele Einwohner. Die Wirtschaft ist vom Rohstoffexport abhängig. Jedes Jahr sterben etwa 60 000 Menschen an den Folgen von Malaria. In manchen ländlichen Gebieten überlebt noch jede zehnte Frau die Geburt ihres Kindes nicht. Nur sechs von zehn Kindern erreichen das fünfte Lebensjahr. Es gibt aber Gebiete, in denen die Verhältnisse deutlich besser sind. Das ist auch das Erbe der Missionare, die hier Krankenhäuser gebaut haben. Das Bildungssystem ist in Moshi noch heute besser als in vielen anderen Regionen Tansanias.

Wir sind noch nicht lange bei den Chagga, da beschleicht mich ein schlechtes Gefühl. Die Menschen pflegen ein brüderliches Verhältnis zu mir. Sie freuen sich, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben. Sie teilen gerne. Reverend Saria erkundigt sich nach den Opfern der Flut in Deutschland. Man habe damals Spenden gesammelt in der Gemeinde und gebetet, dass sich die Tore des Himmels schließen würden. Erst nach einigem Nachfragen verstehe ich, dass er die Elbeflut 2002 meint. Ein Wahnsinn: Tansania sammelte für Ostdeutschland. Ich sage Saria, dass es den Menschen wieder gut gehe, die Schäden seien repariert worden. Er nickt zufrieden. Die Gebete waren nicht vergebens.

Das sind also die Menschen, vor denen wir in Deutschland Angst haben, weil wir fürchten, sie wollten uns etwas von unserem Wohlstand wegnehmen. Dabei könnten die Afrikaner eher Angst vor uns haben. Dazu genügt ein Blick in die Geschichtsbücher. Von 1884 bis 1919 war Deutschland ein Kolonialreich: In Afrika beanspruchte man die Gebiete Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia), Kamerun, Togo und Deutsch-Ostafrika für das Reich. Dazu kamen einige Schutzgebiete in der Südsee. Unter den Kolonialmächten war das Kaiserreich damit vergleichsweise unbedeutend. Aber nicht für die Menschen, die unter deutscher Herrschaft standen.

Im Jahr 1905 kam es in der Kolonie zum Maji-Maji-Aufstand, in Gutmanns Wirkungsgebiet blieb es friedlich. Die Revolte begann, nachdem ein Medizinmann behauptet hatte, ein Zauberwasser gegen die deutschen Gewehrkugeln erfunden zu haben. Die örtlichen Stämme glaubten ihm gern, und bald brachen überall in Ostafrika Aufstände gegen die Deutschen aus. Sie wurden mit äußerster Brutalität niedergeschlagen. Fünf Jahre dauerte der Maji-Maji-Aufstand. Die Deutschen mähten ihre Gegner mit Maschinengewehren nieder und fackelten ihre Felder ab, damit sie verhungerten. Bis zu 300.000 Einheimische kamen dabei ums Leben – und nur 400 Angehörige der Kolonialtruppen. Wenn man von einem Aufstand vor 110 Jahren spricht, klingt das, als sei es lange, lange her, als hätten wir damit nichts zu tun. Aber die Erfindung des Automobils ist ähnlich lange her. Und daran erinnert man sich gerne.

Am Sonntag stehen wir vor der Gemeinde. Reverend Saria will es so. Er hat uns in den zweiten Gottesdienst geladen. Es gibt jeden Sonntag zwei Gottesdienste, weil die Kirche nicht alle Gemeindemitglieder fasst.

Ein lutherischer Gottesdienst in Tansania ist mit einem deutscher Machart gar nicht zu vergleichen. Ich kenne nur Pfarrer, die einen schwarzen Talar tragen, hier sind es drei Priester in feierlichen weißen Roben mit grünen Schals. Zu Hause spielt die Orgel getragene Lieder, hier singt der Gospelchor zur Keyboardmusik, Baba assante, „Danke, Vater“. Die Gemeinde klatscht mit, antwortet im Chor auf Fragen des Pfarrers, man spricht zusammen Psalme.

Ein bisschen schäme ich mich dafür, nur ich zu sein. Die Menschen hier denken, ich sei ein frommer Mensch, ein wahrer Nachfahr meines Urgroßvaters. Aber ich bin nicht fromm. Ich bin auch kein übermäßiger Sünder, ich bin eben ich. Viel, viel kleiner, als die Menschen in Moshi glauben.

Bislang war ich Agnostiker. Gott und ich, wir haben uns beide jeweils um unsere Geschäfte gekümmert und sind uns dabei nicht in die Quere gekommen. Vielen in Westeuropa gilt Gottesbegeisterung als naiv. Eigentlich gibt es kaum eine Begeisterung für irgendwas. In meinem Umfeld ist man mehr oder weniger zufrieden mit der Regierung, mit dem neuen iPhone, mit dem Tatort am Sonntag, mit dem Sexualleben, dem Job. Wenn wir das Mittelmaß eine ganze Weile in Balance gehalten haben, sterben wir und werden eine Memorialseite auf Facebook. Das ist schon schal genug. Aber im Sturm der Hingabe, die ich auf der Kirchenbank in Moshi erlebe, fühlt es sich absolut ärmlich an.

Saria ruft uns auf die Bühne, er spricht davon, wie geehrt man sei, dass die Familie Gutmann, die Nachfahren des großen Bruno, ihren Weg nach Moshi gefunden habe. „The Gutmanns are back home!“ Die Gemeinde klatscht, Einzelne rufen Halleluja. Dann reicht er uns das Mikrofon. Mein Vater spricht als Erster. Eigentlich hasst er es, eine Rede zu halten. Aber hier fühlt er sich wohl. Er spricht sogar Englisch. Wenn ich an den Heiligen Geist glauben würde, würde ich meinen, er sei auf meinen Vater herniedergekommen. Er bedankt sich für die Gastfreundschaft und beschreibt, welch guten Eindruck man habe von der Lebendigkeit der Kirche. Die Gemeinde applaudiert wieder. Meine Mutter stellt sich vor und wird beklatscht. Dann habe ich das Mikrofon in der Hand. Einen Moment bin ich wie gelähmt. Ich sehe in Hunderte Augenpaare. Alle diese Menschen wollen etwas hören, etwas Frommes. Sie meinen nicht mich, sondern den Mann, der sie vor 70 Jahren verlassen hat. Was ich denke und glaube, ist hier nun nicht von Belang. Dann höre ich mich sprechen. „Wir Gutmanns leben in Deutschland, einem regnerischen, kalten Land, weit weg von hier, aber wir sind doch eng verwandt mit euch, denn wir haben denselben Vorfahren, Bruno Gutmann. Bruno Gutmanns Körper ist in Deutschland begraben, aber sein Herz, das wussten wir immer, liegt in Moshi beerdigt.“ Ich sage, dass die Gutmanns vor mehr als hundert Jahren den Gospel nach Moshi gebracht hätten, und nun hätten die Leute den Glauben zurück zu uns, den Gutmanns, gebracht. Es ist das erste Mal, dass ich mich als Gutmann bezeichne. Zu Hause wären das schwülstige Worte gewesen, hier werden sie mit Applaus und Halleluja-Rufen quittiert. Eine Frau ruft laut Amen. Mir kommen die Tränen. In diesem Moment beschließe ich, in Deutschland wieder in die Kirche zu gehen. Weil ich spüre, dass „mehr oder weniger“ in meinem Leben nicht genug ist.

Tillmann Prüfer ist Redakteur des ZEITmagazins. Sein Buch „Der heilige Bruno – Die unglaubliche Geschichte meines Urgroßvaters am Kilimandscharo“ ist gerade im Rowohlt Verlag erschienen.

Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2015/24/tansania-kilimandscharo-kolonialismus-missionar

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