9. November-Gedenken, Israel-Boykott und Faschingsbeginn … – geht das ‚zam‘?

Mit etwas Verspätung komme ich dazu, zwei Ereignsse zu kommentieren, die diese KW mein Kleinhirn gestríffen haben:

  • 09.11.2015 (Mo.): zu Recht gedenkt das politische Deutschland an diesem Tag der „Reichsprogromnacht“ von 1938.

Landauf landab bemühen sich Politiker (fast) aller Parteien ihr Solidarität mit Israel zu bekunden. Nie wieder darf „Kauft nicht bei Juden“ und Schlimmeres in Deustchland (oder irgendwo auf der Welt) toleriert werden. Gott sei Dank!
Die Bundesregierung aktualisiert dankenswerter Weise Ihre Webseite und verweist auf die historischen Ereignisse, die an diesem „Schicksalstag“ geschahen:

„1918 endete am 9. November das Deutsche Kaiserreich mit der Verkündung der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. zum Ende von vier fürchterlichen Kriegsjahren. Fünf Jahre später, am 9. November 1923, wollte Adolf Hitler mit seinem Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle die junge Weimarer Demokratie stürzen.
Weitere 15 Jahre später, am 9. November 1938, zündeten Angehörige von SA und SS Synagogen an. Sie plünderten Geschäfte jüdischer Eigentümer, zerstörten die Wohnungen jüdischer Mitbürger, misshandelten ihre Bewohner, verhafteten und töteten nicht wenige von ihnen. Das war der Auftakt zum millionenfachen Mord, zum Zivilisationsbruch der Shoah. Der 9. November wurde ein Tag der Scham und der Schande. Es sollte 61 Jahre dauern, bis aus dem 9. November auch wieder ein Tag des Glücks und der Freude werden konnte.
Die Bundesregierung unterstützt und fördert das Gedenken an beide Ereignisse: die Reichspogromnacht und den Fall der Mauer. Es ist ein großes Glück, dass das jüngere Datum für den Sieg der Freiheit steht.“
(Quelle: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2015/11/2015-11-09-mauerfall.html

  • 11.11.2015 (Mi.): Das EU-Parlament hat sich für die Kennzeichnung von Waren aus israelischen Siedlungen ausgesprochen.

„Die EU-Kommission hatte am Mittwoch eine Kennzeichnungspflicht für Waren aus israelischen Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten beschlossen. Künftig soll in allen 28 EU-Mitgliedstaaten die korrekte Herkunftsbezeichnung für Erzeugnisse aus dem Westjordanland und Ostjerusalem sowie von den Golanhöhen eingeführt werden.“
(Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/keine-aenderungen-in-deutschland-fuer-waren-aus-israelischen-siedlungen-a-1062753.html)

Die christliche Seite „Israelnetz“ weiß zu berichten, dass „für das Dokument 525 EU-Abgeordnete (stimmten), 70 votierten dagegen und 31 enthielten sich“. Klar demokratisch muss man sagen! Wäre ja auch schlimm, wenn auf in der EU vertriebenen Waren „Made in Israel“ stünde, wo es sich doch um Erzeugnisse aus dem besetzten Westjordanland, Ostjerusalem sowie von den Golanhöhen handelt …

Gott sei Dank, weiß der Spiegel für deutsche Leser zu berichten:

„Für Verbraucher in Deutschland ändert sich durch die EU-Vorschrift zur Kennzeichnung von Produkten aus israelischen Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten gar nichts.“

In deutschen Haushalten also kein Ettikettenschwindel! Bravo. Denn in Deutschland herrschte schon vor dem EU-Beschluss vorauseilende Klarheit: natürlich! Immer vorne weg der deutsche Michel … Es sei natürlich nur eine unpolitische Verbraucheraufklärung erklärt die entsprechende Kommssion. Die deutsche Seite des „Iran German Radio“ redet hingegen überraschend nüchtern und klar vom bereits lange vor dem Beschluss stattfindenden „Boykott“ durch die EU-Mitgliedstaaten:

„Das Exportvolumen für Waren aus den israelischen Siedlungen ist in den ersten neun Monaten des Jahres 2015, aufgrund des Boykottes durch die EU, im Vergleich zum Vorjahr, um 2, 6 Prozent zurückgegangen.
Das Nachrichtenportal des Senders „Stimme der al-Aqsa-Moschee“ berichtete am Dienstag unter Berufung auf das Statistikenzentrum des israelischen Regimes, dass zwischen Januar und September 2015  Waren im Wert von rund 10,5 Milliarden Dollar in die EU exportiert wurden, während im gleichen Vorjahreszeitraum dieser Betrag  bei 10.7 Milliarden Dollar lag. Als Grund dafür wurde die Boykottierung der Erzeugnisse der israelischen Siedlungen in der EU genannt. Die EU ist der wichtigste Importeur israelischer Produkte.“
(Quelle: http://german.irib.ir/nachrichten/nahost/item/293109-israel-exportr%C3%BCckgang-nach-europa-wegen-boykott)

Fragt sich der geneigte Leser, wie man „morgens“ bedauern kann, dass es 1938 so schlimme Dinge gab, wenn man „abends“ einen ebensolchen „Boykott“ beschließt?! Oder haben wir Obst, Gemüse, Kosmetika aus „besetzten Gebieten“ anderer Drittstaaten auch entsprechend gekennzeichnet und „boykottiert“?
Na denn, dann aber mal ran ans umettikettieren von Orangen aus Nordzypern! Es lebe die politische Korrektheit und – an Tagen wie diesen – das „Gedenken“ … – oder war der EU-Beschluß einfach nur eine Persiflage für den zeitgleich beginnenden Fasching? Ich fürchte nicht.
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