10.11.2015: Helmut Schmidt a.D.

Helmut SchmidtDen Staatsakt für Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt am 23.11.2015 nehme ich zum Anlaß einen Rückblick zu wagen …

Henry Kissinger bezeichnete Helmut Schmidt in seiner auf Deutsch gehaltenen Rede als „besonderen Freund.“ „Er habe die für Staatsmänner elementaren Eigenschaften Vision und Mut verkörpert, ohne sie für sich selbst zu reklamieren“, so der frühere amerikanische Spitzenpolitiker gemäß der Tagesschau.

Die 70-iger Jahre … Willy Brandt und Helmut Schmidt, das waren die SPD-Bundeskanzler, zu deren Amtszeit mein politisches Interesse erwachte.

Besonders Schmidt (1974 bis 1982) prägte meine Entwicklung von der 7. Klasse bis zum Ende der Lehrzeit. Übrigens: damals hingen Bundeskanzler und Bundespräsident noch im Klassenzimmer der „Schulanstalt“ (ähnlich wie „der Erich“ auf der anderen Seite der innerdeutschen Grenze).

Auf Grund mangelnder Mathe- und Sprachkenntnisse war ich just zum Beginn der Schmidtschen Amtszeit in der örtlichen Realschule in dem „SoWi-Zweig“ gelandet. Hier hatten wir neben Wirtschaftskunde als Hauptfach auch Politik als Nebenfach. Unsere Lehrer bestanden Mitte der 70-iger Jahre großen Teils aus den Erstabgängern der „langhaarigen“ 1968-er Pädagogen-Generation …

Mit Hilfe ihrer „liebevollen“ linken Indoktrination blieb aus der Amtszeit des kürzlich verstorbenen Bundeskanzlers besonders der von Schmidt seit 1977 geforderte Nato-Doppelbeschluss in Erinnerung (doppelt, weil er eine Stationierung von westlichen Mittelstreckenraketen gegen die sowjetischen SS20 forderte und dies mit einer Verhandlungsoption gegenüber der UdSSR verband):

  • nicht nur die linke Jugendszene, sondern auch weite Teile der eigenen Partei verweigerten dem sturen Mann von der Waterkant die Gefolgschaft
  • so kam es im September 1982 zum Zerwürfnis der sozialliberalen Koalition und zum Rücktritt der F.D.P.-Minister mit dem anschließendem für die CDU erfolgreichen, „konstruktiven Mißtrauensvotum“ am 01.10.1982

Noch heute habe ich die s/w-Bilder im Bonner Bundestag anläßlich des Rücktritts im Kopf, wie H. Schmidt allein in der Regierungsbank saß, aber auch das blaß farbige Foto, wo er dem neuen Bundeskanzler Helmut Kohl gratuliert und zu ihm „aufschauen“ musste (rein körperlich).

In dieser Zeit ging es hoch her in Deutschland

  • 1981: die allseits gefürchtete Volkszählung führte zu einer aus heutiger Sicht abstrusen Verweigerung einer ganzen Generation – und kam in abgespeckter Variante dann doch noch 1987 zur Umsetzung
  • 1981: Helmut Schmidts Freund Anwar-as Sadat wurde 1981 von islamistischen Terroristen ermordet.
  • 1983: mit der Wahl Helmut Kohls setze sich die Forcierung des Nato-Doppelbeschluss in der neuen Koalition, wie auch der Demonstration dagegen fort (durch den Einzug der „Grünen“ auch im Bundestag): noch im gleichen Jahr kam es zum positiven Beschluss des Dt. Bundestages – nur um 1987 in den erfreulichen ersten Abrüstungsbeschluß zwischen Ost & West zu münden („INF-Vertrag“)
  • 1983: mit dem Film „The Day After – Der Tag danach“ (Folge eines fiktiven Atomkrieges) wird der Nerv einer ganzen Generation im Zuge der Diskussion um die Stationierung von Mittelstrecken-Atomrakten (SS 20 gegen Pershing II) getroffen: ich erinnere mich, wie der Film und die zu Grunde liegende Realpolitik im Religionsunterricht in der FOS besprochen wurde und ich tatsächlich dachte, dies sei mein letzter Sommer … – nach dem 13.11.2015 (Paris) hört man das auch wieder von jungen Leuten!

Man soll über Tote nur Gutes sagen …

H. Schmidt war nicht unbedingt nur sympathisch, wie er am Lebensende in den Talkshows herüberkam, Zigarette rauchend „Zug um Zug“ … – unvergessen bleibt auch seine burschikose Art und sein spannungsvolles Verhältnis zu manchem Alphatier in der eigenen Partei.

Aber im Vergleich zur heutigen Politikergarde war er (und vielleicht die ganze Generation, die die Kriegszeit als junge Erwachsene erlebt hatten), Menschen mit Überzeugungen: Schmidt will den Nato-Doppelbeschluss durchsetzen und tut dies notfalls auch gegen seine Partei, ja, gegen seine eigene politische Zukunft. Anders als heutige Politiker waren die damaligen nicht so darauf fixiert gute Bilder zu liefern (die gab es ja auch nicht 10 Sekunden später in aller Welt, wie aktuell bestimmte Selfies …).

Vielmehr kannten sie – neben allem realpolitischen Spürsinn, den man gerade Schmidt nicht absprechen kann – noch die von Überzeugung geleitete Politik, ggf. bis hin zur Inkaufnahme einer Regierungsauflösung. Wenn die heutigen Politiker von dieser Generation lernen würden, ihr Fähnchen nicht in den populistischen Wind zu hängen, wäre viel gewonnen. Wie man am Beispiel Schmidts sieht, sind auch in der deutschen Realpolitik wesentliche Ziele manchmal nur nach der eigenen Amtszeit erreichbar. In dem Sinn war Helmut Schmidt ein Vorbild an Konsequenz.

Interessanter Weise hat Frau Merkel den „Mut für eigene Überzeugungen einzustehen und die Bereitschaft die Konsequenzen in Kauf zu nehmen“ in Ihrer Trauerrede im Hambuger Michel als Gründe angeführt die Schmidt Achtung und Respekt eintrugen … – nun denn: seit kurzem hat ja auch sie zu einer Überzeugung gefunden, die sie bis an den Rand der Regierungsfähigkeit gebracht hat?!

Schmidt war kein frommer Mann.

Auch wenn auf ausdrücklichen Wunsch Schmidts der Klassiker seines „Landsmann“ Matthias Claudius  („Der Mond ist aufgegangen“) intoniert wurde, macht ein Artikel in der FAZ vom 12.11.2015 seine Auffassung zu den letzten Dingen (die er in einem Interview aus dem Jahr 2011 zum besten gegeben hat) klar. Schmidt war Skeptiker, der nicht ohne Grund keinen förmlichen Gottesdienst zu seinem Staatsakt wünschte.

In der FAZ sagte Schmidt:

„Im Christentum steckt eine Reihe von seltsamen Phänomenen. Das Christentum bildet sich ein, eine monotheistische Religion zu sein, ist es aber gar nicht. Jesus Christus ist viel wichtiger als der liebe Gott. Und außerdem gibt es noch einen Heiligen Geist – den hat Jesus Christus nicht erfunden, den hat ein Konzil erfunden. Und neben dieser heiligen Dreieinigkeit gibt es noch die Gottesmutter Maria, die in Polen viel wichtiger ist als Jesus und als der liebe Gott. Der Monotheismus ist eine Selbsttäuschung. Das glaubt der Ratzinger, aber der auch nicht ganz. Es ist auch eine Selbsttäuschung der Protestanten. Die alten Griechen waren da viel ehrlicher, die haben gleich viele Götter erfunden. Und nicht bloß vier. Wie die Jungfrau zum Kind gekommen ist, kann kein Christ wirklich glauben. Aber es wird gelehrt. Und keiner glaubt es. Das sind sehr seltsame Dinge. Es wird gelehrt kraft Autorität, kraft institutionalisierter Autorität. Und natürlich muss auch ein Theologiestudent, der die Hoffnung hat, Gemeindepfarrer und später Propst und noch später Bischof zu werden, so tun, als ob er es glaubt.“

Pfarrer Ulrich Parzany sagte dazu in FB: „Über Tote soll man nur Gutes sagen, meinten die alten Römer. Die FAZ druckt heute ein Interview mit Helmut Schmidt aus dem Jahr 2011 (bisher nicht veröffentlicht), in dem der seine ganze Verachtung über den christlichen Glauben ausgießt. (…) Ich sage mal nix dazu. Es spricht ja auch für sich.“

Tatsächlich hat Altbundeskanzler Schmidt damit wesentliche Kernwerte des Christentums im Unglauben reflektiert: die Einheit und Dreieinigkeit Gottes, die Gottheit und Sündlosigkeit Jesu.

Er war ein entwurzelter Protestant wie so viele in unserem Land. Schade, dass er anscheinend nie Christen getroffen hat, die dem biblischen Befund im Vertrauen begegnet sind und vom Skeptiker zum „Gläubigen“ wurden. Denn der „alte Protestantismus“ des gut 200 Jahre vor Helmut Schmidt verstorbenen Hanseaten Matthias Claudius hatte Gründe, die außerhalb unserer eigenen „Luftgespinste“ liegen:

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Trotzdem haben gerade die Christen unter den Lesern an der Geradlinigkeit des Verstorbenen eine echte Herausforderung zu meistern!

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