Prof. Dr. Daniel von Wachter

Postmodern – ein Interview von pro mit Daniel von Wachter vom 30.06.2016

pro: Was kennzeichnet postmodernes Denken?

wachter-2007klbDaniel von Wachter: Postmodernismus ist nicht eine Analyse des Denkens der Mehrheit der heutigen Menschen, sondern besteht aus bestimmten Behauptungen bestimmter Autoren.
Zum Beispiel: Es gibt keine objektive Wahrheit; es gibt keine Wirklichkeit, die von uns unabhängig ist; Vernunft und Wissenschaft sind nur Herrschaftsinstrumente; Texte haben keine zu entdeckende Bedeutung. Interessant ist, dass die vier Hauptautoren dieser Art von Rhetorik – Lyotard, Derrida, Rorty, Foucault – alle einen sozialistischen Hintergrund haben.

Wie denken Postmodernisten über den christlichen Glauben?

Die Postmodernisten greifen die bloße Tatsache an, dass das Christentum eine Lehre hat; eine Botschaft, die wahr sein soll. Sie greifen die christliche Lehre nicht so an, wie es redlich und sinnvoll wäre, indem sie ihr Argumente entgegenhalten und sagen: Das ist falsch aus den und den Gründen. Stattdessen behaupten sie, Wahrheit und Wirklichkeit gebe es gar nicht. Zweitens greifen die Postmodernisten die Lehre der Christen an, dass die Bibel Gottes Wort und verbindliche Quelle der Lehre sei. Wieder geben sie keine Argumente, sondern sie sagen: Ein Text hat gar keine zu entdeckende Bedeutung. Jeder schafft sich seine eigene Bedeutung.

„Jeder hat recht“
ist unlogisch

Postmodernes Denken prägt die gegenwärtige Politik, Theologie und öffentliche Debatten, meint der Religionsphilosoph Daniel von Wachter: Wahrheit gibt es nicht, alle haben recht, wer Wahrheit beansprucht, gilt als intolerant. Deshalb sorgt er sich um die freie Meinungsäußerung und die Zukunft des Christentums. Im Gespräch mit pro übt er Zeitkritik.
| die fragen stellten norbert schäfer und jonathan steinert

Wahrheit

Wenn es keine Wahrheit gäbe, wäre jede Meinung gleichermaßen richtig?

Es hat keinen Sinn, zu sagen: „Wenn jemand das anders sieht als ich, dann hat er ebenfalls recht.“ Das ist ein Widerspruch, es ist unvernünftig, so etwas zu sagen. Die Idee, dass man so  einen Widerspruch „aushalten soll“, wird oft als menschlich und liebevoll dargestellt. Es ist aber unlogisch, wenn ich etwas glaube und das Gegenteil auch für richtig halte. Das bringt  niemanden weiter. Wir wollen doch wissen, was richtig ist, und uns entsprechend entscheiden. Man darf die Wahrheit nicht gegen die Liebe ausspielen. Daher sollte man nicht sagen:  Damit ich mehr Liebe übe, darf ich niemandem mehr widersprechen. Es ist sogar liebevoller, wenn ich versuche, ihn zu überzeugen, weil ich ja will, dass der andere auch die Wahrheit,  also die richtige Auffassung erlangt. Manchmal ist es zum Beispiel in einer Gemeinde richtig zu sagen: „Wegen dieser Meinungsverschiedenheit trennen wir uns nicht“. Aber es ist  töricht zu sagen: „Ich meine X, aber ich will nicht sagen, dass Nicht-X falsch wäre.

Kann man postmodernen Menschen überhaupt noch mit der „Wahrheit“ der christlichen Botschaft  kommen?

Die meisten Menschen nehmen natürlich an, dass es Wahrheit gibt. Wenn jemand tatsächlich vom postmodernistischen Denken beeinflusst ist, dann müssen wir, um ihn mit  dem Evangelium erreichen zu können, ihn dahin führen, wieder Wahrheitsfragen zu stellen. Will sagen: Es wäre der ganz falsche Weg zu meinen, heute sollte man weniger  Wahrheit predigen, weil die Menschen heute postmodernistisch denken. Im Gegenteil, wir müssen um so mehr Fragen stellen wie: Gibt es einen Gott? Ist Jesus Gottes Sohn, und ist das Evangelium wahr? Wenn ein Mensch das nicht fragen und nicht untersuchen kann, ob das wahr ist, hat er keine Chance, Christ zu werden.

Kommen Christen mit ihrem  Wahrheitsanspruch nicht in Konflikt mit der Religionsfreiheit?

Christen glauben an die christliche Lehre und haben mehr oder weniger Argumente dafür. Diese Argumente teilen sie  ihren Mitmenschen mit und versuchen, sie davon zu überzeugen. Da ist kein Toleranzproblem. Ist das Toleranz, wenn ich sage: „Der hat eine andere Meinung und hat genauso recht“?  Nein. Toleranz entsteht, wenn ich sage: „Ich meine A, der andere meint Nicht-A, ich schlage ihm trotzdem nicht den Schädel ein, ich unterdrücke ihn nicht, ich lasse ihn seine Religion  frei ausüben.“ Christen müssen für Religionsfreiheit sein. Das ergibt sich klar aus dem Neuen Testament. Schon im 18. Jahrhundert findet sich bereits dieser Vorwurf gegen Christen,  sie seien intolerant, weil sie behaupten, dass die christliche Lehre wahr ist. Das ist eine Verdrehung. Man merkt daran, dass diejenigen, die den Intoleranzvorwurf pflegen, selber gar  nicht besonders tolerant sind. Die andere Person muss man achten und lieben, egal, was sie für eine Meinung hat. Man darf das aber nicht vermischen mit der Frage, ob etwas wahr ist oder nicht.

Lehre

Inwiefern spiegelt sich postmodernistisches Denken auch in der Theologie wider?

Der Kern der postmodernistischen Theologie – wie auch schon der modernistischen Theologie – ist, dass sie die überlieferten christlichen Lehren nicht nur ein bisschen anders versteht oder anders akzentuiert, sondern grundsätzlich umdeutet. Die Lehre der Dreifaltigkeit ist dann nicht mehr eine Lehre, die beschreibt, wie die drei göttlichen Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist in Ewigkeit existieren und wie sie zusammenhängen, sondern es wird umgedeutet und etwa gesagt: Alles, was wir erleben, hat diese drei Aspekte. Die Botschaft von Weihnachten wird dann zu: Das Leben ist zwar schwer, aber es gibt immer noch Aufbruch, es gibt ein Licht. Die Lehre von der Auferstehung Jesu heißt nicht mehr, dass durch Jesu Auferstehung den Menschen bewiesen wurde, dass er wirklich der Messias ist und dass er den Tod besiegt hat, sondern sie wird dann zu einer Art Rhetorik, die Hoffnung machen will. Es klingt irgendwie so ein bisschen fromm. Aber es ist letztlich alles innerweltlich, und es ist nicht von Gott und unserer Beziehung zu ihm die Rede.

Gibt es das auch innerhalb der evangelikalen Bewegung?

In der evangelikalen Welt in Deutschland hat sich stark ausgebreitet, dass man gefühlsorientiert ist und das Gefühl nicht mehr auf die Lehre gründet. Wenn Sie die Lieder der Reformation oder der Erweckungsbewegung ansehen, dann sind diese immer sehr emotional, das ganze Herz ist dabei. „Bis zum Tode bin ich gehorsam“ und „Alles geb‘ ich dir, mein Herr“ – das ist aber immer auf der Lehre gegründet: Weil Christus mein Herr ist, weil Jesus für mich gestorben ist, habe ich Hoffnung. Weil er auferstanden ist, den Tod besiegt hat, deshalb sehe ich nach vorne. Die evangelikale Welt in Deutschland hat sich stark davon abgewandt. Viele Lieder, die ich höre, haben Aussagen wie „Gott ist mir so nah, Gott ist so gut, ich bin so getröstet“, aber es ist kein Grund für den Trost genannt. Es wird versucht, das Gefühl auf andere Weise als durch die Lehre zu erzeugen.

Wo ist das Problem?

Das ist eine ernsthafte Verirrung und eine wirklich Schwäche. Ein Christentum, das nur noch auf Gefühl beruht, das auch intellektuell schwach ist und wenig Festigkeit in der Lehre hat, kippt bei jedem Windhauch um. Es hat auch nicht viel Überzeugungskraft. Dabei ist das Christentum eine hochrationale Religion in dem Sinn, dass sie immer Begründungen liefert. Im Gegensatz zu anderen Religionen, die mehr auf Meditationstechniken setzen. Das Christentum hat mit dem Evangelium eine Lehre im Zentrum, und dazu kommen noch eine ganze Menge andere Lehren, die einen philosophischen, metaphysischen Inhalt haben. Darauf baut alles auf – die Emotionen, die Hoffnung und die Hingabe an Gott. Das Christentum hat Rationalität und Wissenschaft hervorgebracht. Mein eigenes Fach, die Philosophie, ist nicht zufällig im Christentum so zur Blüte gekommen. Die Christen haben von Anfang an gesehen: Sie müssen ihre Lehre untersuchen und verteidigen. Wir Christen in Deutschland müssen uns wieder mehr bemühen, beständig in der Lehre zu bleiben. So wie es am Beginn der Apostelgeschichte gesagt wird.

Religions- und Meinungsfreiheit

Was bedeutet es für die Religionsfreiheit, wenn Christen, Muslime oder Menschen anderen Glaubens aus vermeintlichen Toleranzgründen keinen Wahrheitsanspruch für ihre Religion erheben dürfen?

Der Vorwurf der Intoleranz ist eine Gefahr für die Religionsfreiheit heute. Denn Religions- oder Meinungsfreiheit heißt ja: Jede Meinung und jeder Widerspruch dürfen geäußert werden. Der eine sagt, der Islam hat recht, dann darf jeder sagen, der Islam hat unrecht. Ich darf sagen, das Christentum ist wahr, und jeder darf sagen, das Christentum ist nicht wahr. Der Postmodernismus löst das auf und damit die Religionsfreiheit gleich mit. Das geht so: Wenn ich dem Moslem sage, dass er irrt, dann ist das laut den Postmodernisten eine gewalttätige Tat und muss verboten werden. In diese Richtung gehen tatsächlich schon Gesetzesentwürfe in Brüssel, die besagen, man darf anderen Religionen nicht widersprechen. Weil man diese Grenze zwischen Meinungsäußerung und wirklicher Gewalt- oder Unrechtstat aufgelöst hat, verlieren wir die Meinungs- und die Religionsfreiheit. Brüssel geht ganz klar in diese Richtung. Das ist politisch dramatisch und wird, wenn es so weitergeht, zu erheblichen Bedrängnissen führen.

Wie bewerten Sie unter dem Gesichtspunkt die gegenwärtige Debattenkultur?

Ein Kennzeichen von heutigen Debatten ist, dass der Widerspruch und der inhaltliche Streit nicht mehr stattfinden und stattdessen mit Angriffen gearbeitet wird. Auch in der Flüchtlingsfrage ist es ja zum Beispiel so, dass die Äußerung bestimmter Meinungen, selbst wenn sie ziemlich offensichtlich wahr sind, auf einmal als verboten oder als schlecht angesehen wird. Zum Beispiel durfte bei einer Straftat nicht gesagt werden, wo derjenige herkam, der sie ausgeübt hat. Obwohl es eine Tatsache ist. Das ist politisch eine sehr gefährliche Situation. Wenn es unmoralisch ist, etwas zu sagen, was stimmt, oder wenn es überhaupt unmoralisch ist, eine bestimmte Meinung zu äußern, dann sind wir schon weit weg von der Meinungsfreiheit, die wir einmal hier in Europa errungen hatten.

In den vergangenen Monaten beschuldigen sich verschiedene Konfliktparteien gegenseitig der Hetze …

In der Debatte fallen schnell Begriffe wie „rechts“ und „links“, oder ganz beliebt ist zur Zeit ja „populistisch“. Egal, welche Position man inhaltlich bezieht, diese Bezeichnungen sagen nicht konkret, was falsch ist. Wenn ich sage, jemand ist extrem, ist das nicht informativ. Stattdessen sollte man sagen: Der ist gewalttätig, der wirft Steine auf Ausländer, oder was auch immer. So wäre es richtig. Dann könnte man sich eine Meinung bilden. Bei der Flüchtlingsfrage war zum Beispiel immer der latente Vorwurf dabei: Wenn du sagst, du bist für geschlossene Grenzen, dann bist du schuld, wenn morgen ein Flüchtlingsheim angezündet wird. Das ist keine offene und auch keine faire Diskussion. Wir sollten dazu beitragen, dass die Debatte wieder inhaltlich wird, dass man konkret sagt, welche Meinung falsch ist und welche Handlung böse. Dann käme man weiter.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Interview wurde von pro Chrisltiches Medienmagazin erstellt und in der Ausgabe 3 | 2016 (S.20-22) veröffentlicht.

 

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