Buddhismus

Buddhistische Mönche auf Masada, Israel

Beitragsbild: Buddhistische Mönche auf Masada, Israel 2013

Der Buddhismus war eine Art Reformbewegung zum Hinduismus. Er ist sowohl historisch als auch inhaltlich eng mit der philosophischen Richtung des Hinduismus verbunden. Der Buddhismus kennt keine Weltseele, kein höheres Wesen oder Gott, keinen Schöpfer und Erhalter des Universums. Deswegen wird er manchmal als atheistische Religion bezeichnet.

Buddha war ganz ein Sohn seiner Zeit und Teil der religiösen Revolte im 6. Jahrhundert v. Chr. gegen die Priesterherrschaft des Altertums, die eine Welle der Erschütterung über Persien, Indien und China auslöste. Ihr Ausmaß und ihre Auswirkungen werden mit denen der Reformation verglichen, die 2000 Jahre später stattfand.
Einen entscheidenden Impuls für diese Entwicklung scheint das Auftreten der Propheten Israels im 8. und 7. Jahrhundert gegeben zu haben, darunter vor allem Jesajas, später Jeremias und Hesekiels. Sie wurden bis über die Grenzen des eigenen Landes im Assyrischen und später Babylonischen Reich gehört. Ein reger Austausch zwischen den Völkern im Mittelmeerraum und denen an den östlichen Grenzgebieten des medo-persischen Achämenidenreiches (später des Reiches Alexanders des Großen) wurde u.a. durch die Zwangsumsiedlung von Volksgruppen als Bestandteil des Herrschaftsinstruments befördert.

Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden neue Weltreligionen, die es bis heute gibt, darunter der Buddhismus, der Jainismus, der Konfuzianismus, der Taoismus und der Zoroastrismus. Die Grundzüge ihrer Ethiken sind schon bei den großen jüdischen Propheten ausgeprägt. Einige der neuen Religionen oder ihre Teilströmungen nahmen atheistische Formen an. Sie wandten sich damit gegen den Götzendienst und den Polytheismus einer entarteten Priesterschaft.
Priester übten ihre Herrschaft nicht nur über das normale Volk aus, sie nahmen auch erheblichen Einfluss auf Regierungshandlungen. Das Königtum war oft von der Priesterherrschaft überschattet. Gott schien ein Verbündeter der intriganten und durch Habgier korrumpierten und degenerierten Priesterschaft zu sein, die allein Zugang zu ihm und seine Gunst beanspruchte. Die Auflehnung gegen die Autorität der Priester und die etablierte religiöse Ordnung führte zur Auflehnung gegen Gott oder bestimmter Eigenschaften Gottes und in der Konsequenz zur Gottesleugnung.
Die erste schriftliche Anspielung auf den Atheismus findet sich bei den Hebräern in den Psalmen. In Psalm 14, der durch die Verfasserschaft Davids um 1000 v. Chr. datiert werden kann: „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“
Der zweite überlieferte Fall von Atheismus sind indische Angehörige der zweiten Kaste (Krieger, Adelige, Könige), die Anhänger der materialistisch-atheistischen Schule des Charvaka wurden. Das höchste Gut für den Menschen sahen sie nicht in Gott, sondern im Glück und Lebensgenuß. Mit dieser Auffassung waren sie den griechischen Epikureern um zwei Jahrhunderte und den modernen Atheisten um 24 Jahrhunderte voraus.
Der Atheismus als geistige Emanzipationsbewegung im 6. Jh. v. Chr. war somit eine verbreitete, gegen die etablierte Religion gerichtete Haltung und Buddhas an der Seidenstraße gelegene nordindische Heimat – eines der bedeutendsten geistigen und religiösen Zentren der damaligen Welt.

Woljong Tempel bei Nampo (eigene Fotografie, Nordkorea)
Woljong Tempel bei Nampo, Nordkorea

Der Begründer des Buddhismus, Siddhartha Gautama, wurde um 560 v. Chr. in einer königlichen Hindu-Familie im heutigen Nepal geboren. Er war ein Prinz zweiter Kaste. Als er geboren wurde, hatte der Hinduismus schon eine lange Entwicklung hinter sich. Die ersten schriftlichen Darstellungen seines Lebens erschienen mindestens 200 Jahre nach seinem Tod.
Nach der Überlieferung trieb ihn der Anblick eines Leprakranken, eines Greises und einer Leiche dazu, den Sinn des Lebens zu suchen. Er ließ seinen Wohlstand hinter sich, um Antworten auf die Fragen nach Krankheit, Leid und Tod zu finden. Der Entschluss, das luxuriöse Leben zu verlassen und gegen das heimatlose Leben eines „heiligen Mannes“ einzutauschen war das Ergebnis einer inneren Unruhe und einer langen Suche nach Höherem. Nach vielen Jahren Askese und Meditation erlangte er die gesuchte Erleuchtung. Er wurde Buddha (Erleuchteter) genannt. Seine religiösen Übungen waren irgendwann so intensiv geworden, dass er sich fast zu Tode hungerte. Die erste Wende seiner Erleuchtung war die Einsicht in die Sinnlosigkeit der extremen Askese.

Nach der Erleuchtung begann Buddha zu predigen und gewann Anhänger, zusammen waren sie ein missionarischer Orden, die versuchten, andere für ihre Lehre zu gewinnen. Das ist ein Unterschied zum Hinduismus, dem der Aspekt der Mission fremd ist, sogar der Lehre widerspricht (man wird als Hindu geboren und kann die Kaste zu Lebzeiten nicht verlassen). Die Kastenordnung lehnte Buddha ab.

Buddhas Lehre war einfach und nüchtern. Sie kreist um die Sache des Leids.
1. Leben heißt Leiden (1. edle Wahrheit). Alles individuelle Dasein ist elend.
2. Die Wurzel allen Elends ist die Begierde (2. edle Wahrheit), die Lust auf Macht, Erfolg, Geld, Sex, Bequemlichkeit und andere leibliche Freuden.
3. Die Erlösung besteht deshalb im Verlieren aller Begierde und Aufhebung des Leids (3. edle Wahrheit).
4. Das geschieht durch den edlen achtfachen Pfad (4. edle Wahrheit).

Der edle achtfache Pfad ist der buddhistische Weg zur Aufhebung des Leids.
Auch der Buddhismus kennt das Prinzip des Karma, eine Kette von Ursache und Wirkung, die Art und Weise der Wiedergeburt im Samsara, dem Kreislauf der Wiedergeburten, bestimmen. Qualität und Charakter des nächsten Lebens hängen von den Taten des gegenwärtigen Lebens ab. Charakteristisch ist der konsequente Automatismus, der dieser Anschauung zugrunde liegt.
Weil Frauen den Kreislauf der Wiedergeburten in Bewegung halten, waren sie vorerst vom Buddhismus ausgeschlossen. Heute setzen sich die Anhänger des Buddhismus im Westen für eine Gleichstellung von Mann und Frau ein.

Das Endziel alles religiösen Bemühens des Buddhismus ist Nirvana. Das Wort Nirvana ist von einem Verb abgeleitet, das man am besten mit „verwehen“ übersetzt. Nirvana wird geläufig als Nichts verstanden. Das trifft es aber nicht. Es ist verbunden mit der Idee des Nicht-Selbst (an-atman). Es stimmt nicht überein mit der hinduistischen Lehre des Selbst (atman). Buddha verwirft den Glauben an ein Selbst oder eine unsterbliche Seele, die im Kreislauf der Wiedergeburten konstant bleibt. „Ich“ und „mein“ sind Vorstellungen, die an der Wahrheit vorbei gehen. Wer die Wahrheit des Nicht-Selbst durchschaut, wird sich nicht an ein angeblich vorhandenes Ich klammern. In dieser falschen Ausrichtung des Lebens besteht ja die Hauptursache des Leidens.
Nirvana kann nur negativ definiert werden – als was es nicht ist. Es ist weder Etwas noch Nichts, weder Diesseits noch Jenseits, weder Himmel noch Hölle, weder Erde noch Paradies, weder Raum noch Unendlichkeit weder Zeit noch Ewigkeit. Im Dreikorb (tripitaka) wird es wie folgt beschrieben:

Das Nirvana ist der Bereich, wo nicht Erde, Wasser, Feuer, Luft ist,
wo nicht der Bereich der Unendlichkeit des Raumes oder das Bewußtsein,
wo nicht der Bereich der Nichtirgendetwasheit
noch der Grenze von Unterscheidung und Nichtunterscheidung,
nicht diese Welt noch jene Welt,
nicht Sonne und Mond ist.
Das nenne ich nicht Kommen und Gehen,
nicht Feststehen, nicht Vergehen und nicht Entstehen.
Ohne Grundlage, ohne Fortgang, ohne Halt ist es.
Dies ist das Ende des Leids.

Nirvana ist unvorstellbar. Es kann durch Meditation und die Befolgung des edlen achtfachen Pfads, einer Ethik des rechten Maßes, erfahren werden.

Buddhistischer Mönch in Jerusalem (eigene Fotografie, Israel 2013)
Buddhistischer Mönch in Jerusalem

Seit seiner Entstehung hat sich der Buddhismus dauernd verändert. Nach Ansicht der Forscher haben sich die heutigen Hauptformen des Buddhismus weit von der Lehre ihres Gründers entfernt.
Die Buddhisten in Deutschland sehen sich in der Tradition von Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche, die in buddhistischen Lehren eigene Anschauungen bestätigt sahen und andere Intellektuelle beeinflussten. Der Buddhistische Dachverband Diamantweg zitiert in seiner Darstellung der historischen Entwicklung in Deutschland Arthur Schopenhauer:

Dereinst wird gewiß indische Weisheit sich über Europa verbreiten. Jener Eintritt des Buddhaismus würde aber nicht wie einst der des Christentums in den unteren Schichten der Gesellschaft anfangen, sondern in den oberen; wodurch jene Lehren sogleich in gereinigter Gestalt und möglichst frei von mythischen Zutaten auftreten werden.

In jüngerer Zeit wandelt sich das Erscheinungsbild des Buddhismus in Europa.
Die historische Lehre Buddhas verneint die Existenz einer Seele oder eines Selbst, das nach etwas streben oder verwirklicht werden könnte. Das Selbst ist eine Illusion. Der Buddhismus ebnet nicht einen Weg zur Ich-Findung, Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsprofilierung. Gerade das Gegenteil davon soll erreicht werden – die Befreiung von allem Greifen nach einem Ich. Damit ist das Image und die Verhaltensweisen des westlichen Buddhismus nicht in Einklang zu bringen. Dieser tritt häufig in synkretistischen Mischgebilden auf, die einer alternativen Wellnesskur, einer Entspannungs- und Verwöhntherapie mit Yoga und Achtsamkeitsübungen, als geistiges und körperliches Training vor dem Büroalltag entsprechen. Von Management-Coaches werden „buddhistische Managementstrategien“ als eine wohltuende Ergänzung für Entscheidungsträger in der Wirtschaft angeboten. Sie sollen helfen, gegen Burnout vorzusorgen, emotionale Intelligenz und Selbstkontrolle zu fördern, mit Selbstreflexion und Selbststeuerung das verborgene Potential zu erkennen und zu fördern. „Dabei ist es auch durchaus wünschenswert guten Gewinn zu machen“ schreibt eine Beraterin. Das ist geradezu die Umkehrung der ursprünglichen Lehren Buddhas.

Hier setzt die Kritik am westlichen Buddhismus an, zuweilen »Laienbuddhismus für Westler« oder »Konsumbuddhismus« genannt, für den die Industrie hinreichend Waren (Räucherstäbchen, Zafus, Buddha-Köpfe, Mantra-CDs etc.) liefert. Der Philosoph Slavoj Žižek hat westlichen Buddhismus als eine »fetischistische Ideologie« für das kapitalistische Zeitalter beschrieben, die den Anschein geistigen Wohlbefindens zu wahren helfe, anstatt sich der Dynamik des Kapitalismus zu stellen. [bpb]
Gegen diese Interpretation grenzen sich einige westliche Buddhisten ab, ohne jedoch die in Teilen vorhandenen europäischen Ausprägungen und Tendenzen zu leugnen. Konvertiten aus Europa und Amerika, die einem buddhistischen Ideal nachstreben, verlassen deshalb ihr Geburtsland, um sich in Ländern mit einer langen buddhistischen Tradition, beispielsweise Sri-Lanka, Tibet oder Japan, in Klöstern und Schulen religiösen und geistigen Übungen hinzugeben. Hier unterwerfen sie sich einer strengen Ausbildung im buddhistischen Mönchstum und in der jeweiligen Kultur.
Einen Einblick in seine Erfahrungen mit dem tibetischen Buddhismus und den Aufenthalten in Klöstern in Indien und Nepal gibt heute Abend ein Europäer und ehemaliger Buddhist, der Christ geworden ist.

Veranstaltungshinweis:
23.11.2016, 19:30 Uhr, Großer Sitzungssaal im Bürgerhaus Unterschleißheim, Martin Kamphuis spricht zum Thema Ich war Buddhist – das Ende meiner Pilgerreise

Literaturangaben:

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