Göttliche Inspiration und menschliche Verfasser

saving-and-losingInnerhalb der Inspirationslehre mit ihren vielen Bereichen wird das Zueinander von menschlichen Verfassern und dem Wirken des Geistes Gottes meist nur am Rande behandelt. Das liegt vor allem daran, dass über die Details des Zusammenwirkens in der Bibel kaum Aussagen gemacht werden. Man kann sagen, dass es ein Geheimnis darstellt, wie Gott es möglich gemacht hat, dass Menschen in ihrer Individualität und unter Einbeziehung ihrer Persönlichkeit 100%iges Gotteswort aufschreiben konnten. Wenn das Wirken Gottes auch nicht entschlüsselt werden kann, so sind doch einige Beobachtungen aufgrund von Aussagen der Bibel möglich.

Der Aspekt der Inspirationslehre, der im Folgenden beleuchtet werden soll, provoziert nicht selten die Erwiderung, dass man doch nicht glauben solle, Gott habe die Autoren der Bibel zu Schreibmedien werden lassen. Dann aber wird das Wirken des Heiligen Geistes am Menschen derart ausgeklammert, dass viel eher das theologische Genie oder die dichterische Kraft des Menschen im Focus steht.

Gott und Mensch in Konkurrenz?

Über den berechtigten Einspruch hinaus kann jedoch Einiges mehr zum Wirken des Heiligen Geistes an den Autoren der Bibel gesagt werden. Auch muss unterstrichen werden, dass in der Geschichte der christlichen Kirche kaum irgendwo eine mechanistische Diktattheorie vertreten wurde. Dass aber die Furcht vor falschen Verdächtigungen zum völligen Schweigen über das Zueinander des Wirkens des Heiligen Geistes und den menschlichen Verfassern der Heiligen Schrift führt, ist meines Erachtens übertriebene Vorsicht.

Wenn Inspiration der Bibel bedeutet, dass Gott selbst ihr eigentlicher Autor ist, dann scheint das auf den ersten Blick in Konkurrenz dazu zu stehen, dass sich in den Büchern der Bibel doch offenbar ausdrücklich menschliche Verfasser zu Wort melden. Die Briefe von Paulus sind deutlich als solche gekennzeichnet, als Mitautor ist gelegentlich Timotheus (2Kor 1,1; Phil 1,1; Kol 1,1; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1; Phil 1,1) oder auch Silvanus genannt (1Thess 1,1; 2Thess 1,1). Hier waren Menschen am Werk. Aber auch andere Bücher verschweigen ihre Autoren und deren aktive Arbeit nicht. Lukas etwa recherchiert für sein Evangelium und die Apostelgeschichte verschiedene Über­liefe­run­gen, wie sie in Kreisen der ersten Christen bekannt waren (Lk 1,1-4). Die alttestamentlichen Propheten geben meist Botschaft Gottes wieder, aber auch hier verschwindet die Person des Propheten keineswegs, sondern sein Ergehen ist mit persönlicher Klage Teil der Botschaft Gottes an sein Volk (z.B Jeremia 18,18ff). Und auch wenn man auf die Ebene von Stil und Sprache geht, die in der Bibel selbst kaum thematisiert wird (vielleicht 2Pet 3,15-16), dann kann man feststellen, dass Wortwahl, Sprachstil, der Einsatz von Sprachfiguren und anderes sich von Autor zu Autor unterscheiden. Umgekehrt kann man bei Schriften des gleichen Autors (z.B. bei Johannes) bestimmte Elemente wiedererkennen.

Inspiration nur eingeschränkt?

Wer eine Inspirationslehre nur auf logischem Weg erarbeiten will und nicht die Bibel selber dabei Maßstab sein lässt, kann nur zu einem eingeschränkten Inspirations­verständnis gelangen.

Kann man angesichts dieses Befundes überhaupt von einer Inspiration der Bibel sprechen? Könnte man nicht höchstens davon sprechen, dass die Autoren von Gottes Geist inspiriert (Personalinspiration) waren und dann in ihrer jeweiligen Individualität ihre Bücher oder Briefe schrieben? Müsste man nicht, wenn Gott der Autor der Heiligen Schrift wäre, auch seinen Stil und seine Sprache durchgängig vorfinden?

Wenn es aber so ist, dass Gott gewissermaßen nur die Themen und Inhalte inspiriert hat (Realinspiration), die Autoren diese dann aber frei in Worte fassten und dabei mal „bäuerisch” und mal gelehrt schrieben, sollte man dann nicht auch die Inhalte wieder von der Form trennen, weil ja nur diese von Gott stammen?

Man könnte angesichts dieser Wahrnehmungen allerlei Überlegungen anstellen und etwa davon sprechen, dass es zwei Kräfte gegeben habe, die die Bibel hervorbrachten: der natürliche Impuls der Individualität der Autoren und der wunderhafte Impuls Gottes, der die göttlichen Inhalte betrifft. Dann wäre es naheliegend zu sagen, dass die Autoren nicht in allem, was sie schrieben, auf die Leitung durch Gottes Geist angewiesen waren. Wozu sollte Gott ein Wunder tun, wenn es nur darum geht, allgemeines Alltagswissen zu Geografie oder Geschichte aufzuschreiben? Die Kraft seines Geistes müsste dann nur tätig werden, wenn es um die eigentlich göttlichen Inhalte geht, insbesondere solche, die die Autoren nicht mit ihrem eigenen Geist erfassen konnten. Das würde dann alles umfassen, was für die ewige Rettung durch Jesus Christus wichtig ist. Und ist nicht die Erlösungslehre das eigentliche Thema der Bibel und nicht etwa irgendwelche Details zur Naturkunde oder zu Einzelheiten historischer Abläufe? Daraus folgte dann auch, dass Gedächtnisfehler oder Irrtümer in bestimmten Aussagefeldern die göttliche Inspiration gar nicht beträfen, sondern nur die menschliche Individualität der Autoren.

Wenn die vollständige Inspiration der Bibel nicht als vorgegebene Tatsache akzeptiert wird, wie sie in der Bibel selber in ihren Auswirkungen und Ergebnissen deutlich wird, sondern man eine Ins­pi­rations­vorstellung auf logischem Weg aufbauen möchte, dann sind die ausgeführten Gedankengänge durchaus plausibel.

Statt einer Form der Verbal­inspiration, nach der die Bibel in Inhalten, Form und Wörtern so von Gott gewollt ist, ergäbe sich eine Form der Personal- oder Realinspiration, nach der entweder nur die Autoren und nur bestimmte Inhalte als von Gott eingegeben gelten. Diese Form des Inspirationsverständnisses findet man eher bei konservativen Theologen, auch in der evangelikalen Bewegung.

In der neueren Theologie wird in der Regel eher eine Inspirationslehre vertreten, die nur noch indirekt mit der Bibel und ihrer Qualität zu tun hat. Wort Gottes ist dort nur, was im Leser oder Hörer als solches ankommt bzw. sich als „Wort-Gottes-Erfahrung“ jeweils ereignet. Die Inspiration wird allein in der Wirkung beim Leser oder Hörer gesucht, die man allerdings weniger in der Qualität der Bibel und ihrer Botschaft als in der Qualität oder Gestimmtheit des Empfängers der Botschaft sieht. Letztlich müsste aber auch diese Ansicht erklären, warum der biblische Text irgendeinen Vorzug vor anderen Texten oder religiösen Äußerungen haben sollte. Und selbst wenn die Antwort lautete, dass Gott jeweils aktuell und individuell gerade diese Texte für sein Reden erwählt, bräuchte es dafür einen Grund, zumal wenn Theologen zugleich die historische und sachliche Zuverlässigkeit der Texte auf die Ebene von Legenden stellen.

Zuerst war die offenbarte Wahrheit da, die sich ergebenden Schwierigkeiten ändern nicht die Tatsachen, wohl aber beeinflussen sie die Ausformung der Lehre.

Ich sehe angesichts der Aussagen der Bibel keine Alternative zu einer Inspirationslehre, die sich an diesen Aussagen ausrichtet und damit ein Inspirationsverständnis vertritt, das man auch bei Jesus und den Aposteln beobachten kann. Als Folge davon wird man zur Auffassung von der Inspiration der ganzen Bibel im wörtlichen Bestand der Urschriften geleitet. Daraus ergibt sich dann die Aufgabe, mit den Schwierigkeiten umzugehen, die diese Lehre mit sich bringt. Aber das hat bekannte Parallelen im gesamten Lehrbestand, etwa im Hinblick auf die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes oder der Zweinaturen-Lehre von Jesus Christus. Zuerst war die offenbarte Wahrheit da, die sich ergebenden Schwierigkeiten ändern nicht die Tatsachen, wohl aber beeinflussen sie die Ausformung der Lehre.

Die Frage ist also, welche Konse­quenzen sich für eine Inspirat­ionslehre daraus ergeben, dass zwischen Gottes Autorenschaft und menschlicher Verfas­ser­schaft bei der Inspiration offenbar keine Konkurrenz bestand, sondern beide eine untrennbare Wahrheit beschreiben. Über das genaue Zueinander und Miteinander von menschlichem Geist und Heiligem Geist können wir allerdings nur mutmaßen, weil die Bibel darüber keine klaren Aussagen macht. Das gehört zum verborgenen Teil des Geheimnisses der Inspiration. Es ergeben sich aus diesem Miteinander aber Konsequenzen und die können als Eckpunkte benannt werden.

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