Kathpop – und die evangelikale Krise am Beispiel der Mehrheitsmeinung zur MEHR2018


In diesem Artikel soll – neben einer kurzen Einführung zu Johannes Hartl und der MEHR-Konferenz – die katholische Position betrachtet werden, wie sie auch von Hartl vertreten wird.

In einem weiteren Schwerpunkt soll es um die notwendige Debatte unter den Evangelikalen gehen: wie soll man mit geistlichen Bewegungen umgehen, die ein konfessionell schillerndes Bild abgeben und ggf. das Potential haben die Darbietung des Evangeliums zu korrumpieren?

Dabei will der Artikel sowohl ein Plädoyer für eine kritische Reflexion des „populären Katholizismus“ eines Johannes Hartl sein, als auch einen fairen Umgang mit der im Gebetshaus Augsburg gebotenen charismatisch-katholischer Frömmigkeit bieten. Darum sollen die handelnden Personen wertschätzend dargestellt werden, die damit verbundenen Inhalte katholischen Frömmigkeit aber ebenso klar benannt werden. *)

  • Wo das nicht geschehen ist, bitte ich um kritische Rückmeldung in der gleichen Haltung!
  • Gerne werde ich die entsprechenden Passagen prüfen und ggf. korrigieren.

Ich danke Johannes L. und Felix W., zwei Mitarbeitern vom Münchener Schulungsprogramm H3 („Hirn, Herz und Hand“ [1]) für die Literaturrecherche. Ohne Ihre Hilfe wäre der Artikel nicht zu einem gemeindeinternen Seminartermin Anfang März 2018 fertig geworden.

Uwe Brinkmann
München, im März 2018

SDG

*) Nachtrag, 06.07.2018: das Bemühen um Fairness scheint einigermaßen gelungen; jedenfalls schreibt Dr. J. Hartl in einer FB-Diskussion am 06.07.2018 an Dr. M. Till (nachdem er ihn auf meinen Artikel verwies):

Den Artikel auf brink4u kannte ich noch nicht, finde ihn wirklich super! Danke fürs Posten. So sieht echte Auseinandersetzung aus!

Hoffe nur meine konservativen Freunde werden meine Hartl-Kritik jetzt nicht als zu wohlwollend ablehnen …

 

1.     Einleitung

– form follows function …

Zu Beginn meines Architekturstudiums wurde ich mit dem o.g. Satz konfrontiert: „form follows function“ („die Form folgt der Funktion“). Kurz gesagt, geht es in der Architekturtheorie der Moderne darum, dass die Formensprache (eines Gebäudes) seiner inneren Funktion und Konstruktion folgt, bzw. sich aus dieser schlüssig ergibt (und nicht umgekehrt). Die Funktionen und die schlichte Grazie einer statischen Struktur geben dem Ganzen seinen Rhythmus und seine Gestalt. Die Architektursprache die damals (Mitte der 80-iger) die Moderne „verriet“ war die „postmoderne“ Architektur, die in der Formensprache sich nicht schämte mit Deko und Versatzstücken zu arbeiten.

30 Jahre nach der Architektur der „Postmoderne“ sind wir auch in der Theologie in der Postmoderne angekommen! Und hier, mehr als in der Kunst und Architektur, muss sich die Form aus dem Inhalt ergeben: das „Evangelium der Gnade Gottes“ kann nicht in beliebige „Formen“ transportiert werden. Kann das biblische „sola gratia“ („Funktion“), in einem katholischen „setting“ („Form“) integriert werden, ohne Schaden zu nehmen? Dies wird im vorliegenden Artikel tendenziell verneint.

– Bekehrung im katholischen Bayern

Im katholischen Bayern blieb der Protestantismus – und die mit ihm verbundenen Freikirchen – eine Minderheit. Erst Anfang der 70-iger Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden zunächst im Münchner Raum in größerer Zahl freie Gemeinden und Gemeinschaften; Protestanten und Freikirchen galten schlichtweg als Sekte, die es zu bekämpfen galt. Zu Beginn der Gemeindearbeit [2] in der ich „aufgewachsen“ bin, konnte man es des Öfteren erleben, wie Leute, die sich aus dem kath. Bereich „bekehrt“ hatten (und in der Folge meist auch aus der röm.-kath. Kirche austraten), von ihren Familien verstoßen wurden, bis dahin, dass sie enterbt wurden, oder die eigene Mutter mit Selbstmord drohte, wenn sie nicht wieder einträten … – junge Christen, die zuvor in Drogen verstrickt waren, wurden nun als drogenfreie Bundesbürger von ihren Eltern mehr abgelehnt als vor ihrer Lebenswende …

1993 waren meine Frau und ich für ein Jahr auf einer „Jüngerschaftsschule“ in den USA zur theol. Grundausbildung. Gerade erst (1992) hatte Papst Johannes Paul II, den neuen gesamthaften „Katechismus der Katholischen Kirche“ (KKK) seit mehr als 400 Jahren herausgegeben. [3] Bis zum Jahr 1992 galt noch der „Trienter Katechismus“ (von 1566), der Catechismus Romanus, bzw. Catechismus Tridentinus, ein wichtiges Instrument der Gegenreformation …

James G. McCarthy und seine Frau, die uns in unserem Studienjahr in USA als Mentoren betreuten, brachten zeitgleich einen evangelikalen Kommentar zum KKK heraus: „Das Evangelium nach Rom“ [4]. Meine Frau half im englischen Original Korrektur lesen und ich unterstützte die Herausgabe in deutscher Sprache. Seit dieser Zeit beschäftigte ich mich als nebenberuflicher Buchhändler einer christlichen Fachbuchhandlung in München („Bücher für Christen“, 1992-2004) intensiv mit der Lehre der Römisch-Katholischen Kirche (RKK).

– innerprotestantische ‚Scharmützel‘

Am 1. Januar 2018 ging der theologisch konservative Blog „biblipedia.de[5] mit einer gewissen Furore online: ein Zusammenschluss von zu Beginn 16 Bloggern, denen die Erosionserscheinungen innerhalb der evangelikalen Community derart zu schaffen machte, dass sie sich trotz ihrer konfessionellen Differenzen zusammenschlossen, um die Autorität der Bibel mit fachlicher Kompetenz und Fairness in kulturell zeitgemäßer Form und einer Portion humoriger Selbstkritik zu verteidigen.

Dass sich eine bunte „evangelische“ Truppe (aus „Gnadauer“ Gemeinschaft, Pietisten, Reformierte, Lutheraner, Landeskirchler, Pfingstler, Charismatiker, Baptisten, FEG’ler, „Brüder“, etc.) ohne übergeordnetes „Lehramt“ zusammentut, ist bei theologisch konservativen Christen (die also noch Überzeugungen haben) fast ein ebensolches Wunder, wie wenn ein Katholik vom Format eines Johannes Hartls, tatsächlich das biblische Evangelium predigen sollte … 😊

Dabei geht es den „biblipedianern“ gem. ihrer „Pressemitteilung“ [6] nicht um das theologische „klein-klein“, in denen auch „wiedergeborene“ Christen traditionell unterschiedliche Meinung sind, sondern um die „wesentlichen Streitfragen“ im Bereich von Heilslehre, Gemeinde und christlicher Ethik. Ziele von Biblipedia.de sind laut der Pressemitteilung:

  1. Bündelung: Sammlung verstreuter Inhalte unter einer gemeinsamen Dachmarke
  2. Vernetzung: Konservative Blogger-Community mit deutlich größerer Reichweite
  3. Apologetische Schulung der Gemeindebasis: mittelfristig auch via E-Learning-Portal
  4. Erreichen neuer Milieus und Lebenswelten durch zielgruppenorientierte Ansprache mit biblisch-orthodoxen Inhalten in zeitgemäßer Form.

 

Anfang 2018 sorgte auch die vom „Gebetshaus Augsburg[7] veranstaltete „MEHR-Konferenz 2018[8] (MEHR2018) und das dort verkündete „Mission Manifest[9] für eine starke Resonanz, da sie im zeitlichen Zusammenhang mit einem geistlichen Einbruch innerhalb der EKD zusammenging [10]: tausende evangelikal geprägte Christen pilgerten ungeachtet der kath. Ausrichtung Johannes Hartls nach Augsburg. Wehmütig haben verschiedene evgl. Rezensenten die „evangelische“ Predigt von Johannes Hartl gelobt [11] – während zunehmend die katholischen Inhalte als irrelevant bezeichnet werden.

In der Frage der Bewertung des Gebetshauses / der Person von Johannes Hartl, bzw. inwieweit die katholische Lehre (auch wenn sie im Hintergrund bleibt) die Präsentation des Evangeliums negativ beeinflusst, ringen auch die „konservativen Evangelikalen“ auf biblipedia um den richtigen Weg:

Dr. Markus Till [12]  (einer der Hauptfiguren bei biblipedia), der einen bemerkenswert mutigen Beitrag über „Worthaus“ [13] geschrieben hat, hat in einem FB-Eintrag zu einem Artikel des pro-Medienmaganzins [14] ein sehr positives Review der MEHR-Konferenz gegeben. Der Verfasser dieser Zeilen hat einen kritischen Artikel des reformierten Bloggers Andreas Schnebel in biblipedia gebloggt. [15] Und auch Dr. Hanniel Strebel, der auch in biblipedia bloggt, hat auf seiner Seite einen kritischen Artikel über Johannes Hartl verfasst: „Diskussion um die Hartl-Begeisterung: Wir sind es nicht mehr gewöhnt, um inhaltliche Positionen zu ringen“. [16]

Ulrich Parzany, dessen Communique [17]auf „Bibel und Bekenntnis“ als Voraussetzung zur Mitarbeit bei biblipedia gilt, hat hingegen in einer Stellungnahme [18] vor allem mutmachende und wohlwollende Elemente bzgl. der Konferenz in Augsburg (gepaart mit vorsichtiger Kritik) zur Sprache gebracht.

Die positive Reaktion von Ulrich Parzany und anderen „konservativen Evangelikalen“ basiert nach Auffassung des Verfassers (bestätigt z.B. von Ulrich Parzany) vor allem auf der geistlichen Schwäche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die protestantische Schwäche hat sich bereits seit mehr als 20 Jahren bei theologischen Erklärungen gezeigt, die evangelikale / bzw. evangelische Theologen mit der katholischen Seite eingegangen sind:

  • ECT: „Evangelicals & Catholics Together: The Christian Mission in the Third Millennium“ (May 1994) [19]
  • „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre des Lutherischen Weltbundes und der Katholischen Kirche“ (31.10.1999) [20]

 

Auch wenn mit „dem neuen Papst“ vielleicht eine echte Bewegung innerhalb der katholischen Kurie entstanden sein mag, besteht nach m.E. berechtigter Anlass zur Sorge, dass politische wie auch theologische „Funktionäre“ regelmäßig die Bodenhaftung verlieren: jedenfalls behauptete Dr. Thomas Schirrmacher nur knapp eine Woche vor dem Reformationsjubiläum, in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“, dass Franziskus der „wahre Erbe Luthers“ sei. [21]

Allerdings wurden Thomas Schirrmacher und Thomas Johnson bereits im Sommer 2017, als Mitglieder der „World Reformed Fellowship“ (WRF), kritisiert, da sie nach Auffassung mancher in ihren Kontakten zu hohen Vertretern der röm.-kath. Kirche als Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEF) eine Haltung einnahmen, die im Konflikt mit ihrem reformierten Bekenntnis gesehen wurde. Ihre „Verteidigung“ zur „Zusammenarbeit ohne Kompromiss“ [22] sollte mit der kritischen Stellungnahme zu der „Joint Declaration on the Doctrine of Justification” von Leonardo De Chirico [23] gelesen werden.

 

Es haben bisher nur wenige evangelikale Autoren zur MEHR-Konferenz eine sachliche Kritik gegeben. [24] Wie Hanniel Strebel richtig festgestellt hat, sind wir „es nicht mehr gewöhnt, um inhaltliche Positionen zu ringen“! [25] Es muss nach Auffassung des Verfassers jedoch dringend eine solche Diskussion „unter uns“ begonnen werden:

  • warum soll der Unglaube innerhalb der EKD, Evangelikale in ihren Gliedkirchen dazu bringen sich blauäugig an sympathische (!) Vertreter und Initiativen der kath. Kirche zu hängen?
  • wäre es nicht besser, man würde mit evangelischer Überzeugung neue, theologisch konservative Freikirchen gründen – dann hätte man zumindest einen „Klotz“ weniger am Bein!

 

2.     Johannes Hartl

– Person

Dr. Johannes Hartl [26] der Leiter des Gebetshauses in Augsburg ist ein sehr sympathischer Typ. In dem Artikel „An die geschätzten Protestanten unter meinen Kritikern“ [27] geht er auf die Kritik ein, die er von Leuten, wie dem Verfasser dieses Artikels, bekommen hat.

Dabei beginnt er sehr eindrücklich mit dem ebenso überraschenden, wie entwaffnenden statement:

Kritik am Gebetshaus und an mir ist jederzeit willkommen, stets notwendig, fast immer berechtigt und inhaltlich sicherlich meist jedenfalls bedenkenswert.

 

Wenn alle „konservativen Evangelikalen“ so reagieren würde, wenn man ihre Standpunkte hinterfragt, wäre viel gewonnen, in dem uns hoffentlich verbindenden „Ringen um die Wahrheit“! Hier heißt von Johannes Hartl lernen, tatsächlich von den Tugenden Christi zu lernen, der „gescholten nicht widerschalt, leidend nicht drohte“ (1Petr 2,23).

Im weiteren Verlauf des gleichen Absatzes persifliert er jedoch die protestantische Kritik dann mit einer unnötigen, weil unwahren, „Polemik“:

Das Hauptproblem der meisten meiner protestantischen Kritiker ist offenbar die Tatsache, dass ich katholisch bin. Am Ende jedes Artikels läuft es gewöhnlich auf folgende Argumentation heraus: weil Johannes katholisch ist, ist das Richtige, das er sagt, wertlos, weil er ist ja katholisch. Und Katholiken glauben an die schrecklichsten Dinge, zum Beispiel, dass man neben Gott auch noch die Himmelskönigin anbeten, mit Toten kommunizieren und sich den Himmel durch Ablassbriefe verdienen solle. All meine Versuche, das Evangelium in den schönsten Farben zu malen, dienten also zu nichts weiter als der Verschleierung meiner eigenen konfessionellen Abgründigkeit.

Ja, es stimmt. So reden manche „unter uns“ über Katholiken: wir fühlen uns darum von Hartl ertappt. Zumal unsere Kritik aus Sicht der RKK theologisch nicht ganz korrekt ist:

  • dass sie Maria nicht „anbeten“ (sondern sie „nur“ verehren …),
  • dass sie nicht mit „Toten“ kommunizieren, sondern sich „nur“ die Unterstützung von vollendeten Mitchristen suchen (der „Gemeinschaft der Heiligen“ aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis) und
  • dass man sich den Himmel nicht verdienen könne (sondern „nur“ mit der in den Sakramenten der Kirche angebotenen Gnade Gottes kooperieren müsse …)

Die Polemik besteht darin, dass der Text sich so liest, als sei Hartls „Katholizität“ im Wesentlichen völlig bedeutungslos. Er dreht den Spieß um und geht locker in den Angriffsmodus, wenn er die „geschätzten Protestanten“ fragt, ob es denn tatsächlich sein kann, dass seine wahren Aussagen alle „wertlos“ werden, „nur“, weil er katholisch sei? [28] In seiner unnachahmlich sympathischen Art, nimmt Hartl seinen Kritikern wieder den Wind aus den Segeln, wenn er nachfolgend sagt:

Nun zunächst zum Vorwurf: ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Ich bin tatsächlich charismatischer Katholik. Für manche Evangelikale also gleich ein doppelter Satansbraten. Doch ich habe eine ganz schlechte Nachricht: weltweit gehören irgendwie 1,5 Milliarden Christen oder so entweder zur katholischen oder zu einer charismatischen Kirche. Also entweder hat man die Chuzpe, 75% der Christenheit abzusprechen, Christen zu sein, oder man schluckt den Frosch und anerkennt, dass es eben auch ein paar Frösche gibt, die nicht auf der gleichen Seerose sitzen, wie man selbst.

Wieder dieses positive Element in der Persönlichkeit des Johannes Hartl, den Stier bei den Hörnern zu packen: „entweder hat man die Chuzpe, 75% der Christenheit abzusprechen, Christen zu sein, oder man schluckt den Frosch …“. Aber sind das wirklich die beiden einzigen Alternativen: allen anderen das Heil abzusprechen, oder zu akzeptieren, dass die RKK Teil der Gemeindelandschaft ist?

Natürlich kann niemand „75% der Christenheit“ absprechen, „Christen zu sein“. Aber worum es geht, ist zu fragen, ob der Katholizismus die „christliche Religion“ richtig darstellt (insbesondere, wenn es um die Frage geht, wie man in den Himmel kommt?). Wer dann auf der persönlichen Ebene „Christ“ ist (in dem Sinne, dass er „errettet“ ist und Jesus als Herrn nachfolgt), steht auf einem anderen Blatt.

„Christ zu sein“, im Sinne der „Christenheit“ kann man ggf. niemand absprechen; allerdings wurde die Reformation in Frontstellung zur RKK etabliert und der protestantische Glaube hat stets behauptet, dass das „Evangelium“ der RKK „korrupt“ ist. Entweder das ist wahr, oder die RKK, bzw. die Arbeit von Johannes Hartl hat sich so grundlegend geändert, dass sie substantiell „evangelisch“ geworden ist …

– Lehre

Da Johannes Hartl darum bittet, ihm aufzuzeigen, was denn an dem falsch sei, was er lehrt, muss man sich die Arbeit machen und ihn beim Wort nehmen. Dabei wird man auch das aufgreifen müssen, was er in öffentlichen Vorträgen nicht sagt, sondern in Büchern, etc. veröffentlicht hat. Denn die Differenzen zwischen seinem Dienst und der Auffassung konservativer Evangelikaler liegt großen Teils nicht in seinen öffentlichen Vorträgen und „Popveranstaltungen“. Im Gegenteil, gerade sie sind ein Element, dass bei den meisten Evangelikalen gut ankommt, da es einer gemeinsamen „charismatischen Lobpreiskultur“ entspricht und auf der Bühne selten Inhalte vorkommen, die exklusiv katholisch sind.

Dr. Hartl hat zusammen mit dem Priester Leo Tanner ein Buch zum Thema geschrieben: „Katholisch als Fremdsprache“ [29], dass wir für die meisten Zitate als Quellentext benutzt haben. Der Klappentext bei amazon.de [30] nennt folgende Inhalte:

Papst, Maria, Eucharistie, Vatikan, Fegefeuer, Wallfahrt, Sakramente, Heilige, Priester… Was meinen Katholiken, wenn sie Begriffe wie die obenstehenden aussprechen? Und worin unterscheidet sich all das vom Glauben anderer Konfessionen? Und gibt es eigentlich eine biblische Grundlage für den Katholizismus oder ist das alles nur Aberglaube?

Die meisten Missverständnisse zwischen den Konfessionen kommen vom schlichten Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen. KATHOLISCH als FREMDSPRACHE ist ihr Wörterbuch für die Navigation in der spannenden Welt der Verständigung über Kirchengrenzen hinweg.

Johannes Hartl beginnt sein Buch Katholisch als Fremdsprache mit einem einfach gehaltenen kirchengeschichtlichen Kapitel, mit dem der Leser die Entstehung der RKK bis zur heutigen Form grob nachvollziehen kann. In den weiteren Kapiteln stellt er zu verschiedenen Streitfragen die Sichtweise und Kritiken der „evangelisch-freikirchlichen“ Perspektive und die Ansichten und Erklärungen der katholischen Kirche einander gegenüber. Der von dem katholischen Priester Leo Tanner verfasster Anhang zu den Themen Papsttum, Eucharistie und Fegefeuer spricht wohl auch auch für Hartls eigene Meinung.

In seinen Darlegungen nimmt Hartl häufig die Position eines neutralen Beobachters ein: er leitet Sätze mit bescheidenen Worten ein, wie „Die katholische Theologie würde vielmehr sagen: …“ (S.107); er schreibt von einer „eher katholische[n] Sichtweise“ (S. 111); usw. Dass die katholische Sichtweise trotz scheinbar „neutraler“ Darlegung seine eigene ist, bleibt aber im ganzen Buch recht deutlich. Die katholische Position erhält viel mehr Raum als die freikirchliche und behält in den Unterkapiteln auch durchweg das letzte Wort.

Gut auf den Punkt gebracht ist seine „Agenda“ auf Seite 73:

Was gibt Hoffnung für die Zukunft? Sowohl Katholiken als auch Evangelisch-freikirchliche Christen müssen von ihrem Unwissen und ihrer Arroganz gegen den Anderen befreit werden. Eine katholische Kirche, die das Evangelium ganz neu ernst nimmt, sich radikal hinterfragen lässt und sich aus volkskirchlichen Strukturen heraus bekehren lässt und Evangelisch-freikirchliche Christen, die über den Wert des Amtes und der Tradition neu nachdenken, hätten sich Bedeutsames zu sagen.

Hartl will nicht, „dass evangelisch-freikirchliche Christen alle katholischen Christen (oder umgekehrt) überzeugen“. Unsere Position hingegen ist, dass man sich ggs. die Abweichungen von der apostolischen Lehre aufzeigen muss. Dabei ist sich die protestantische Kritik an der katholischen Lehre bisweilen der Problematik nicht bewusst, dass man schon bei der Definition von Begriffen und Konzepten auf verschiedenen Ebenen denkt und so trefflich aneinander vorbeireden kann.

 

Wenn z.B. der evangelische Christ davon redet, dass allein die Gnade Christi rettet, dann kann der Katholik dem vollständig zustimmen, obwohl in seiner Theologie „Gnade“ auch durch die Sakramente vermittelt wird. Das ist für ihn kein Widerspruch, da im katholischen Denken die ‚sakramentale Gnade‘ eine „jedem Sakrament eigene, durch Christus gespendete Gnade des Heiligen Geistes“ ist (KKK, #1129). Für Katholiken ist die den „Sakramenten“ innewohnenden Gnade wesensmäßig die eigentliche Gnade Christi und kein unzulässiger Zusatz, wie es bei Protestanten sehr wohl der Fall ist!

Johannes Hartl bringt in einem ausdrücklich zur Veröffentlichung freigegebenen Antwortschreiben die unterschiedliche Sichtweise am Beispiel der „Schrift“ gut zum Ausdruck: [31]

Ihre Argumente vermögen mich in keinem Punkt zu überzeugen. Sie schreiben aus dem klassischen protestantischen Brille und wiederholen die klassischen seit Jahrhunderten bekannten protestantischen Thesen. Sola scriptura. Und übersehen dabei, dass nicht einmal die Anzahl der biblischen Bücher und der Kanon derselben durch die Bibel selbst definiert sind: sie sind bereits Tradition. Dass bereits die frühchristlichen Symbola Auslegung der Schrift sind und nicht Schrift selbst, also Tradition enthalten. Sie übersehen, dass es das Mahl des Herrn, die ersten Bekenntnisse und die ersten Ämter bereits vor der Schrift gab, weil die Schrift selbst bereits auf sie Bezug nimmt. Will meinen: dass es die Kirche bereits vor der Bibel gab und diese nicht erst jene begründet hat. (…). Ihre Sicht auf die Bibel und die Kirchengeschichte ist so klassisch protestantisch, dass es mich schlichtweg nicht verwundert, dass Sie den Katholizismus als unplausibel empfinden.

 

Schon wenn man sich gegen katholische (Irr-) Lehren unter bloßem Rückbezug auf die „Schrift“ Stellung bezieht, kann man ggf. auf der anderen Seite nicht gehört werden. Denn die Definition der „Schrift“ ist strittig (nicht nur bzgl. der Anzahl der Bücher): die Streitfrage lautet, „gab die Kirche uns die Bibel, oder gab die Bibel uns die Kirche“?

In Kenntnis dieser Problematik muss man trotzdem die Positionen Hartls zu bewerten versuchen; das 2015 erschienene Buch Katholisch als Fremdsprache dient neben anderen Artikeln von Johannes Hartl als Hauptquelle für die nachfolgenden Zitate und Bewertungen seiner Lehre:

# Jesus

Johannes Hartl hat bzgl. der Person Jesu – wie übrigens auch die RKK in ihrem Katechismus – aus protestantischer Sicht, ein durchweg orthodoxes Verständnis. Er bekennt sich zur Gottheit Christi, als auch zu seiner wirklichen Menschheit und leiblichen Auferstehung! [32]

Johannes Hartl verteidigt die „Historizität der Auferstehung Jesu“ wie weiland der evangelikale Klassiker Josh McDowell. Trotzdem ist das solus Christus insofern brüchig, weil neben der Person Jesu noch andere kath. Einflussgrößen bleiben; vgl. # Maria.

# Schrift und Offenbarung

Johannes Hartl bekennt sich zur Heiligen Schrift als autorative Quelle der Offenbarung; er steht aber ebenso klar zur katholischen Sichtweise, dass es neben der Schrift auch die Überlieferung gibt, da die Bibel alleine nicht ausreiche, um die Offenbarung voll zu entfalten: [33]

Ein weiterer Aspekt betrifft die Frage der Offenbarung: Paulus sagt: »Denn in ihm allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes« (Kol 2,9). Jesus Christus als Fülle der Offenbarung Gottes bedeutet, dass es keine neue Offenbarung mehr geben wird als die, die uns in Jesus Christus geschenkt wurde. Die Offenbarung ist zwar mit Ihm abgeschlossen, aber sie ist noch nicht voll entfaltet, wie Jesus sagt: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. « (Joh 16,12-13) So steht zu vielen theologischen Lehrfragen und bedeutsamen Fragen der christlichen Lebenspraxis nichts in der Bibel. Das hat der Heilige Geist den Christen erst nach und nach gezeigt.

Hier verbindet sich das kath. Verständnis ganz „natürlich“ mit dem Lehramt der Kirche:

Wer katholischen Christen sagt: Zeigt mir, wo das mit Maria und der Marienverehrung in der Bibel steht?“ kann als Antwort hören: „Es muss nicht in der Bibel stehen. Der Heilige Geist hat uns dies nach und nach gezeigt. Es gibt nicht nur Bibel und Menschen. Es gibt Autorität, die der Herr bestimmten Menschen anvertraut: „Als Diener Christi soll man uns betrachten und als Verwalter von Geheimnissen Gottes. « (1 Kor 4, 1). Hier steht nichts davon, dass diese Geheimnisse Gottes alle schon in der Schrift stehen. Offensichtlich werden diese Geheimnisse auch von Menschen verwaltet. Man könnte sagen, dies gelte nur für die Zeit, in der noch an der Bibel geschrieben wurde. Doch das ist nur eine mögliche Sichtweise.

Wir können sagen: Während die Schrift unverrückbar feststeht, hört Christus nicht auf mit Seiner Braut zu reden. (vgl. KKK 79) Dieses fortdauernde Gespräch (eine Art von Tradition), legt die Schrift immer neu aus und lässt sie tiefer verstehen. Deshalb kann solch geoffenbarte Tradition wohl über die Schrift hinausgehen, sie kann ihr jedoch nicht widersprechen.

Johannes Hartl hat darum aus protestantischer Sicht, das sola Scriptura verlassen; vgl. auch seine Aussagen unter # Kirche!

# Evangelium

Johannes Hartl lehrt (wie auch die RKK), dass Jesus Christus der Sohn Gottes, Mensch wurde, um stellvertretend am Kreuz zu sterben, der leiblich auferstanden ist (vgl. die Hinweise unter # Jesus). Und dass der Glaube an Jesus Christus rettet. Wie dieses Heilsgeschehen am Kreuz für uns persönlich wirksam wird, und ob neben dem Glauben weitere Anforderungen bestehen, ist die Stelle, wo katholisches Denken sich von der Bibel entfernt.

Es gibt ein Zitat, dass Hoffnung weckt, dass Johannes Hartl ggf. evangelikal denkt, weil hier (endlich) mal, auch eine leise Kritik ggü. der RKK anklingt:

Katholische Gläubige müssen sich fragen: Haben wir, hat die katholische Kirche den radikalen Ruf der Reformation wirklich gehört, dass wir allein durch die Gnade Jesu und unseren Glauben an Jesus gerettet werden? [34]

Johannes Hartl lehrt zunächst ganz reformatorisch, dass „wir allein durch die Gnade Jesu und unseren Glauben an Jesus gerettet“ werden?! Wie das mit der katholischen Lehre (der „sakramentalen Gnade“) zusammenpasst bleibt spannend!

# 1129 Die Kirche sagt, daß die Sakramente des Neuen Bundes für die Gläubigen heilsnotwendig sind [Vgl. K. v. Trient: DS 1604]. Die „sakramentale Gnade“ ist die jedem Sakrament eigene, durch Christus gespendete Gnade des Heiligen Geistes. (…) [35]

# Religionen

In einem Kommentar zu dem bekannten und „erklärungsbedürftigen“ Video von Papst Franziskus zu den Weltreligionen (Jan. 2016; dass vielfach in den sozialen Medien diskutiert wurde), bezeichnet Johannes Hartl den „religiösen Relativismus“ mutig als Irrlehre, die er vom Präfekten der Glaubenskongregation aus katholischer Sicht geklärt, bzw. bestätigt haben will: [36]

Eine Vermischung der Religionen und das Aufweichen des christlichen Wahrheitsanspruchs ist dem Katholizismus fremd und wurde von allen letzten Päpsten wiederholt mit deutlichen Worten zurückgewiesen. Papst Franziskus verkörpert wie wenige Päpste vor ihm die Freude am Glauben und die Barmherzigkeit Gottes. Sein Bekenntnis zur Notwendigkeit der Evangelisation und Mission in „Evangelii gaudium“ ist glasklar. Gerade in Zeiten des religiösen Pluralismus wäre es deshalb wichtig, ein Video, das auf den ersten Blick im Gegensatz zu diesem Bekenntnis steht, nicht unkommentiert zu lassen. Diesen Artikel füge ich deshalb einem Schreiben an Kardinal Gerhard Ludwig Müller bei, dem Präfekten der Glaubenskongregation, in dem ich ihn herzlich bitte, in einer kurzen Stellungnahme die katholische Position zur Irrlehre des religiösen Relativismus zu erläutern.

Johannes Hartl lehrt hier und auch anderer Stelle, dass eine Religionsvermischung falsch sei. Er steht – anders als manche postmodernen Vordenkern der evangelikalen Szene – zum christlichen Wahrheitsanspruch.

# Kirche

In der Lehre von der Kirche denkt Johannes Hartl ganz katholisch – zumindest schreibt er zustimmend, bzw. verteidigend wie die RKK die (noch) nicht sichtbare Einheit der Kirche begreift:

Und genau darum betet Jesus: » Alle sollen eins sein … damit die Welt glaubt« (Joh 17,21). Jesus meint hier (auch) die sichtbare Einheit. Wenn wir gemeinsam Eucharistie feiern, obwohl wir in manchen Glaubensfragen wie auch in der Vorstellung wie Kirche aussieht und die Ämter zu verstehen sind, unterschiedlich sind, dann feiern wir etwas, was noch nicht da ist. So denkt die katholische Kirche. [37]

Für ihn brauchen wir die Autorität der Kirche, weil die Bibel nicht alles erklärt; klar positioniert sich Hartl gegen das protestantische sola scriptura:

Denn während die Bibel zu vielen Fragen über Jesus Auskunft bietet, beantwortet sie manche Fragen nicht explizit wie zum Beispiel die Frage, ob Jesus erschaffen war oder nicht. [38] (…) Hier zeigt sich: Wir müssen den christlichen Glauben in Glaubensartikeln darlegen, denn nicht alles geht allein eindeutig aus der Schrift hervor. [39]

Johannes Hartl verteidigt auch an anderer Stelle das katholische Lehramt und die Rolle der Kirche im Bewahren der Wahrheit.

# Kirchengeschichte

Die teilweise erheblichen Verkürzungen bzgl. der Kirchengeschichte wecken den Verdacht, als ob dies bewusst geschehe? Jedenfalls kann man sich kaum vorstellen, dass ein Mann wie Johannes Hartl die Kreuzzüge, die Vertreibung der Evangelischen in der Gegenreformation sowie die Hinrichtung von (protestantischen) Ketzern im Zuge der Inquisition aus einem anderen Grund so milde (besser: verfremdend) beurteilen könnte. Allerdings muss man fairer Weise auch festhalten, dass er in Katholisch als Fremdsprache diese Vereinfachung auch zugibt.

Der Bedarf die Kirchengeschichte objektiver darzustellen, besteht jedoch kaum, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass auf der Mehr2018 eine Mitarbeiterin des Gebetshaues, die aus der evangelisch-freikirchlichen Szene stammt, beim Gebet für die kath. Kirche auf der Bühne ihren Dank dafür bekundet, dass die RKK schon viele Jahrhunderte „vor uns“ in Europa vorangegangen sei … – wenn die Evangelischen sich bei der RKK für das Mittelalter bedanken, wie soll Hartl auf die Idee kommen, seine Institution negativ darzustellen …

Die Reformation ist laut Hartl nicht viel mehr als ein beidseitiges Missverständnis, bzw. Folge charakterlicher Mängel von katholischen Kardinälen wie Martin Luther gleichermaßen:

In der Folge führen wohl Hartherzigkeit, Stolz und Missverständnis auf beiden Seiten dazu, dass man sich nach wenigen Jahren gegenseitig verdammt. Auf katholischer Seite sind die Kardinäle überhaupt nicht bereit, ernsthaft mit Martin Luther zu diskutieren. Aber auch Martin Luther hat bald darauf ein Traktat geschrieben und den Papst als Antichrist bezeichnet und damit ausgesagt, das Papsttum käme vom Teufel. [40]

Die Pfingstbewegung wurde eigentlich vom Papst initiiert (statt aus den Reihen der prot. Kirchen):

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert ereignen sich zwei segensreiche Geschehnisse. Das eine ist die Entstehung der Pfingstbewegung, 1901: Am ersten Tag des 20. Jahrhunderts rief Papst Leo XIII. im Namen der Kirche den Heiligen Geist auf das beginnende 20. Jahrhundert herab. Und am gleichen Tag fangen in Topeka Kansas ein paar Leute an, in Sprachen zu beten. [41]

Das 2. Vatikanische Konzil hat die Kernanliegen Luthers faktisch zu Wege gebracht (ohne, dass in der nachfolgenden Liste das Evangelium vorkäme …):

Durch dieses Konzil geht ein großer Ruck durch die Kirche. Die Kirche tritt aus ihrer Ghettomentalität heraus und öffnet sich für die Welt von heute. Das führt dazu, dass die Liturgie in der Muttersprache gefeiert wird, das allgemeine Priestertum der Laien gefördert wird, das Wort Gottes wieder mehr in den Mittelpunkt genommen wird, sich neu für die Welt missionarisch öffnete. Die Kirche als Volk Gottes, neuer Stellenwert der Ortskirche, Ökumene, neues Bild von Israel, Religionsfreiheit, Menschenrechte, Engagement für den Frieden, Zusammenarbeit mit den anderen Religionen (…). Wir können sagen: Was Luther ursprünglich wollte, wurde weitgehend durch dieses Konzil erfüllt. [42]

Für weitergehende Zitate sei auf den Artikel von Michael Kotsch, „Johannes Hartl Werbung für Charismatik und römisch-katholische Kirche“ (Bibelbund) verwiesen. [43]

Johannes Hartl ist in seinen Beiträgen Kirchengeschichte offensichtlich bewusst polemisch, bzw. „naiv“ pro-katholisch – unter Ausblendung der protestantischen Märtyrer …

# „heilige Messe“ und Wandlung

Johannes Hartl ist gerade an diesem trennenden Punkt der Eucharistie ganz klar überzeugter Katholik. Und ich bin dankbar, dass er sich so deutlich dazu stellt, denn es war das Video von dem 3. katholischen Gottesdienst auf der Mehr2018, das den Anlass gab, diesen Artikel zu schreiben: meine Frau und mich hat es wirklich geschüttelt, wie dutzende Priester im vollen Ornat auf die Bühne kommen und einen katholischen Gottesdienst abhalten, der – abgesehen von den üblichen Pop-Elementen des Gebetshauses – alle (!) kath. Inhalte der Messe transportiert hat.

Es ist für mich völlig unverständlich wie evangelische Christen daran teilnehmen konnten (auch wenn sie ggf. nicht „kommunizierten“). Von daher muss ich Ron Kubsch recht geben, der zu der katholischen Messe im 3. Gottesdienst der Mehr2018 geschrieben hat: [44]

Wenn Du den Gottesdienst am Sonntag nicht als katholisch identifizieren konntest, muss ich mir wirklich Sorgen machen. Der Gottesdienst war eine komplett katholische Veranstaltung, mit geweihtem Wasser, Gebet für die Verstorbenen, Taufwiedergeburt, einer katholischen Messe etc. Das ist ja verständlich, da eben ein katholischer Gottesdienst. Was nicht geht: Ein Einebnen der Lehrunterschiede mittels Lobpreis und guter Stimmung. Die Unterschiede sind da, sie können auch nicht weggebetet werden.

Hier Zitate aus Katholisch als Fremdsprache zu Sakramente, Wandlung bei Eucharistie:

Das ist das Verständnis vom katholischen Priestertum. Wenn der Priester in der Beichte im Namen Jesu Vergebung zuspricht, dann spricht Christus in ihm: „Ich spreche dich los von deinen Sünden, …“ Ebenso bei der Eucharistiefeier: Jesus Christus, repräsentiert durch den Priester, feiert mit uns das Abendmahl. Wenn der Priester über dem Brot sagt: „Das ist mein Leib“, dann wandelt Jesus Christus im Priester dieses Brot in Seinen Leib. Dies ist möglich, weil Jesus Christus dem Priester durch die Weihe Anteil an Seiner Vollmacht und Autorität gegeben hat. [45]

Gedächtnis bedeutet: Was damals im Abendmahlssaal und am Kreuz geschah, ereignet sich jetzt. Was Jesus einmalig am Kreuz getan hat, wird fortgesetzt, erneuert und verfügbar, wenn die Christen, Sein heiliges Volk, das Mahl des Herrn, die Eucharistie feiern. [46]

Kein Mensch kann Sünden vergeben, Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi verwandeln. Jesus ist immer der Handelnde. Nun aber hat Jesus Seine Vollmacht an die Apostel weitergegeben: Jesus gab den „Zwölf… die Kraft und die Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken gesund zu mache. “ (Lk 9, 1). Jesus bevollmächtigt Seine Apostel und daraus geht das Sakrament der Weihe hervor. [47] (…) Was ist das gewirkte Werk? Damit ist das gemeint, was Jesus ein für allemal getan hat. Wenn Jesus sagt: „Das ist mein Leib…“, dann wird das nicht erst sein Leib, weil ich so stark glaube, sondern weil das Wort Jesu die Macht dazu hat und Sein Wort wirkt. Dasselbe glauben die anglikanischen Christen wie auch die orthodoxen Gläubigen. [48]

Im folgende gibt Hartl 1:1 die Argumentationslinie vom KKK zur Transsubstantiation wieder: [49]

In der Lehre des Thomas von Aquin, in der die aristotelische Metaphysik eine große Rolle spielt, wird unterschieden zwischen der Substanz und der Akzidenz (Materie) eines Dinges. Die Substanz ist das eigentliche, innere Wesen. Die Akzidenz (Materie) ist das Äußerliche und Sichtbare. Nun sagt die katholische Lehre: Die Materie bleibt gleich. Die Substanz ändert sich. Es geht um eine Wesensverwandlung.

Das heißt: Brot und Wein bleiben physikalisch und chemisch Brot und Wein. Folglich schmecken sie auch nach den Wandlungsworten des Priesters so. Dennoch sind sie dem Wesen, der geistlichen Realität nach etwas anderes geworden: Leib und Blut Jesu Christi. Leib meint Person, Blut bedeutet Leben. Mit anderen Worten: Der Auferstandene ist in den konsekrierten (gewandelten) Gaben mit Seinem ganzen Leben und damit mit Seiner ganzen Menschheit und Gottheit real gegenwärtig.

In Summe

Deswegen knien katholische Christen in dem Moment, wo die Wandlung passiert und der Tod Jesu am Kreuz für uns gegenwärtig wird. [50]

Johannes Hartl ist wirklich Katholik … 😉 – und steht damit leider auch im Konflikt mit dem sola Gratia (denn in der Messe wird auch Gnade vermittelt); vgl. auch seine starke innere Verbindung zur Realpräsenz unter # Mystizismus

# Rolle Marias

Das Kapitel zum Thema Marienverehrung endet als direkte Werbung für die katholische Sicht:

„Noch etwas: Manchmal sagen evangelisch-freikirchliche Christen: ‚In der Bibel steht nichts über die Marienverehrung!‘ Das stimmt so nicht ganz. Denn Maria sagte: ‚Siehe von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“ (Lk 1,49). Alle Geschlechter werden Maria preisen. Dürfen wir uns davon ausschließen?“ [51]

Wer weiß, wie stark die Verehrung Mariens die katholische Kirche, von der Tradition der Laien des Mittelalters bis zu den Päpsten der Gegenwart, prägte (vgl. allein das „Ave Maria“ [52]), wundert sich vielleicht, wie Hartl en passant das Lob Mariens verteidigt. [53] Nach protestantischen Auffassung handelt es sich dabei um eine völlige Mißinterpretation von Lukas 1 und um einen krassen Angriff auf die Ehre Gottes.

Schon in den 10 Geboten befiehlt uns Gott:

4 Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel oder was unten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist. 5 Du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, … (2Mose 20,4-5a)

Das „niederwerfen“ aus 2Mose 20 ist in der Bibel die Definition schlechthin für Anbetung und ist exklusiv Gott vorbehalten. Es geschieht jedoch täglich 1.000-fach, nicht nur vor den Hostien auf dem Altar, sondern auch ggü. den Marienbildern in den kath. Kirchen. Wer Gebete zu, und Lobpreis von, Maria empfiehlt legt sich jedoch direkt mit Gott an!

Weitere Zitate von Johannes Hartl in „Katholisch als Fremdsprache“ zur Rolle Marias:

  • 115f: Jesus hat 30 Jahre mit Seiner Mutter gelebt. Kein Mensch war Ihm so verbunden wie sie. Auch wenn Jesus sich Seinem Familienclan gegenüber geäußert hat, Maria hielt treu zu Ihm bis unters Kreuz. So gehört zu Jesus seine Mutter einfach dazu. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Marienverehrung in der gesamten Kirche 1500 Jahre lang völlig normal und natürlich war. [54]
  • 119: Die katholische Kirche sagt: Jesu letztes Handeln am Kreuz besteht darin, Seinen treuen Nachfolgern eine Mutter, nämlich Maria zu geben. Der „Jünger, den Jesus liebte“ steht für jeden von uns. Damit gibt Jesus Seine Mutter der kommenden Kirche als Mutter. Nach der Auferstehung ist Maria mit den Aposteln und den ersten Jüngerinnen und Jüngern zusammen. Diese werden sie vieles über Jesus gefragt haben. So beginnt ihre geistliche Mutterschaft für die Kirche.
  • 119f: Wenn Jesus eine von Sünde unbefleckte, menschliche Natur hat, dann stellt sich die Frage: Wie kommt Er dazu? Diesem Gedanken sind die katholischen Theologen seit ein paar hundert Jahren nachgegangen und kamen zu dem einzigen möglichen Schluss: Irgendwie muss Maria ohne Sünde gewesen sein, sonst hätte Maria eine von Sünde durchdrungene, befleckte Natur an Jesus weitergegeben. […] Dies wird Unbefleckte Empfängnis genannt: Gott hat Maria, bei ihrer Zeugung durch Joachim und Anna (Eltern von Maria), gnadenhaft vom Makel und Defekt der Erb-Schuld bewahrt. Dadurch ist Maria so, wie Gott den Menschen im Ursprung gemacht hatte: das „unverdorbene Konzept“ Mensch.

Johannes Hartl lehrt das Gebet zu Maria und verteidigt ihren Lobpreis, er begründet die übliche Marienverehrung mit ihrer besonderen Beziehung und Nähe zum Sohn, er verteidigt ihr Rolle als Mutter der Kirche und spricht ihr auch das Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“, also ihre Sündlosigkeit (!) zu! Diese Auffassung steht nach m.E. ebenfalls im Konflikt mit dem solus Christus.

Aus dieser falschen Lehre erwuchs in der RKK konsequenter Weise [55] das bisher letzte Dogma, „Maria Himmelfahrt“: [56]

Wir verkünden, erklären und definieren es als einen von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, dass die makellose Gottesmutter, die allzeit reine Jungfrau Maria, nach Vollendung ihrer irdischen Lebensbahn mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde. [57]

Wenn daher, was Gott verhüten möge, jemand vorsätzlich dies, was wir definiert haben, leugnet oder in Zweifel zieht, so soll er wissen, dass er völlig von dem göttlichen und allumfassenden Glauben abgefallen ist. [58]

# Anrufung verstorbener Heiliger

In Analogie zur Verehrung Mariens wird auch die Anrufung der Heiligen begründet:

Die traditionelle katholische Theologie hat die Gemeinschaft der Heiligen in drei Bereiche unterteilt. Sie nennt die Gläubigen, die noch auf der Erde sind, die „streitende Kirche“. Alle Erlösten im Himmel, die sogenannten Heiligen, werden die „triumphierende Kirche“ genannt. Die Heiligen im Zustande der Reinigung (auch Fegfeuer genannt) werden die „leidende Kirche“ genannt. [59]

Hartls Schlussfolgerung

Wenn wir unsere Mit-Heiligen auf der Erde um ihr Gebet für uns bitten können, so können wir auch die Heiligen, die bereits mit dem Herrn vereint sind, um ihr Gebet bitten. Denn wir gehören um gleichen Leib, zur gleichen Familie. [60]

Johannes Hartl ist hier, wie bei der Kirchengeschichte, bewusst „naiv“: wer jemals gesehen hat, wie „normale“ Katholiken zu Maria oder die „Heiligen“ anrufen, kann das nicht in solchen Worten verteidigen, oder muss sein Bekenntnis zu Jesus hinterfragen! Dies ist ein Affront ggü. dem soli Deo Gloria.

# Mystizismus

In einem biographischen Teil von Katholisch als Fremdsprache gibt Johannes Hartl Einblick in seine spirituelle Erfahrung, die hier ausführlich zitiert werden muss, weil sie für ihn sicher wegweisend geworden ist; oft sind es ja unsere Erfahrungen, die unsere Theologie beeinflussen: [61]

Ich (Johannes Hartl) machte meine erste, einschneidende Erfahrung mit der Eucharistie als Teenager, kurz nach meiner ersten Erfahrung mit Jesus.[62] Es war bei der eucharistischen Anbetung, einem Phänomen, das für evangelisch-freikirchliche Christen ungemein verwirrend ist, im französischen Wallfahrtsort Paray-le-Monial. Dort lebte im 17. Jahrhundert Margareta Maria Alacoque (1647-1690), eine Ordensschwester, die eindrucksvolle Visionen vom Herzen Jesu hatte. Sie sah das Herz Jesu, das erfüllt von Liebe wie ein Vulkan, wie ein glühender Ofen
für jeden Menschen brennt.

Ich bin um drei Uhr nachts in der Kapelle, an dem Ort, wo Jesus zu Margareta gesprochen hat. Ich knie am Boden in dieser kalten Kirche und vor mir die Monstranz mit dem Allerheiligsten. Ich habe mir nichts eingeredet. Ich war einfach da und mir war, als könne ich direkt und unmittelbar in dieses Herz Jesu schauen. Ich wurde hineingezogen in diesen Vulkan von explosiver Liebe, von der Margareta Maria Alacoque gesprochen hat. Ich konnte eineinhalb Stunden nicht weggehen. Ich war wie paralysiert, wie geblendet, wie hineingezogen in diesen Sog. Ich habe in den ersten Jahren meines aktiven Lebens mit dem Herrn eine so intensive Sehnsucht gespürt, Jesus in dieser eucharistischen Präsenz anzubeten, dass ich mich teilweise in dem Kloster, in dem ich gewohnt habe, am Pförtner heimlich vorbeischlich, um in der Kapelle Jesus anbeten zu können. Ich habe oft zwei Stunden dort verbracht. Diese Erfahrungen gehören mit zu den kostbarsten Begegnungen meines frühen Gehens mit dem Herrn.

Neben dem starken Mystizismus, wie er in der Lehre von der Wandlung („Transsubstantiation“) und dem Gebet zu Maria / den „Heiligen“ klar wird, ist auch das Gebet stark mystisch geprägt; zwei Ausschnitte aus In meinem Herzen Feuer; zunächst das Ende des Kapitels „Das Hier und Jetzt“: [63]

Es gibt gute Bücher zum Thema des kontemplativen Gebets. Deshalb hier nur eine kleine Anregung: Beginnen Sie Ihre Gebetszeit, indem Sie nicht gleich irgendetwas zu Gott sagen oder an ihn denken, sondern indem Sie zunächst wahrnehmen, was da ist. Gott ist nicht „jenseits des Seins“, sodass man sich erst von allem, was hier und jetzt ist, befreien müsste. Er ist vielmehr der ganz Gegenwärtige. Ein Zurückkommen zu dem, der im Hier und Jetzt auf mich wartet, kann mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers beginnen. Denn dieser ist ja immer im Hier und Jetzt, während die Gedanken meist woanders sind.

(…) Bereits diese ganz einfachen Wahrnehmungsübungen können helfen, im Hier und Jetzt anzukommen. Dies ist natürlich noch nicht Gebet. Aber es ist eine wesentliche Vorbedingung. Aus einer Haltung des Daseins heraus können Sie im Gebet in praktisch jede Richtung weitergehen. Freies, gesprochenes Gebet. Gesungener Lobpreis. Liturgisches Gebet, zum Beispiel das Stundengebet. Fürbitte oder Gebet mit dem Wort Gottes: All diese Gebetsformen werden reicher, wenn Sie sich Zeit nehmen, im Hier und Jetzt anzukommen und ganz da zu sein. Und manchmal werden Sie vielleicht sogar Sehnsucht bekommen, gar nicht viel zu tun, sondern weiter in der liebenden und schweigenden Gegenwart Jesu zu bleiben und zu ruhen.

Dann aus dem Kapitel „Die Schönheit“: [64]

Nicht selten werde ich gefragt, wie die richtige Gebetsform aussehe. Meiner Meinung nach gibt es nicht die eine richtige Gebetsform. Es gibt eine Vielzahl von Gebetsformen, die zu unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Etappen ihres geistlichen Lebens passen. Ich rate jedoch jedem, einen Weg zu wählen und den mit einer gewissen Beständigkeit zu erlernen. Die Einübung des Schweigens, der Bibelmeditation, des Lobpreises, des liturgischen Gebets, der beständigen Fürbitte, des 24-Stunden-Gebets, der eucharistischen Anbetung, des Rezitierens oder Singens biblischer Passagen, des hörenden Gebets, des Gebets bei Exerzitien oder auf einer Pilgerreise, des kontemplativen Gebets, des Jesusgebets – all das sind Formen, die den Beter Unterschiedliches lehren.

Johannes Hartl ist ohne Umschweife als Mystiker zu bezeichnen. Auch in frommen protestantischen Kreisen finden sich dazu Parallelen.

# ethische und ‚letzte‘ Fragen

In einem Interview mit kath.net aus dem Jahr 2014 nennt Hartl fünf Schlüsselthemen für die Zukunft die im positiven Sinn bemerkenswert sind: [65]

Ich glaube, dass sich in der Zukunft sehr viel daran entscheiden wird, wie Christen sich zu den Themen der Rolle von Mann und Frau, der Homosexualität, der Abtreibung, der Frage nach der Hölle (bzw. Allversöhnung) und dem Heilsuniversalismus („alle Religionen sind gleich“) positionieren werden.

Hier muss man neidlos anerkennen, dass Johannes Hartl öffentlich eine Position bezieht, die sich viele Freikirchler nicht mehr zutrauen. Neben gesellschaftlich anstößigen ethischen Themen (Homosexualität) nimmt Hartl auch zu existentiellen theologischen Fragen, wie Hölle und einen falschen Heilsuniversalismus, biblisch Stellung.

Diese Position bringt Johannes Hartl (bzw. die MEHR-Konferenz) am Beispiel der Hölle so deutlich, dass es den emergenten Blogger Rolf Krüger richtig auf die Palme bringt; er schreibt: [66]

„Mission muss wieder erste Priorität werden!“ verkündet das Mission Manifest von Johannes Hartl und viele klatschen Beifall. Hundert Vertreter katholischer Organisationen drängten sich Anfang Januar vor 11.000 Besuchern der „mehr“-Konferenz in Augsburg auf der Bühne. Sogar aus dem Vatikan kam ein Grußwort. Als anschließend ICF-Gründer Leo Bigger offiziell ausführt, was Mission im Sinne des Manifests sei, dürfte einem Großteil davon mulmig zumute geworden sein. Ziel und Sinn von Mission sei es, die Menschen vor der Hölle zu warnen, der ewigen Strafe Gottes für alle Unbekehrten.

Johannes Hartl lehrt ethisch konservative Position in großer Selbstverständlichkeit und verteidigt die Realität der Hölle und verwirft mutig einen falschen Heilsuniversalismus!

– Summe:

Das Fazit zur Lehre Johannes Hartls kann nicht in einem einfachen „schwarz-weiß“-Muster gegeben werden … – Johannes Hartl ist in folgenden Punkten ein evangelikaler Lehrer:

  • Person Jesu, inkl. seiner leiblichen Auferstehung
  • Exklusivität der biblischen Botschaft (Religionen)
  • Ernsthaftigkeit des Gerichtes Gottes für den Unglauben
  • klare ethische Standpunkte

In der Frage des Evangeliums steht Johannes Hartl echt in der Mitte: er spricht einerseits von der Gnade Gottes, Bekehrung, Wiedergeburt und Glaube an Jesus, wie ein Evangelist alter Schule. Gleichzeitig verteidigt er die mit diesem Bekenntnis ernsthaft im Konflikt stehenden katholischen Dogmen!

Schließlich vertritt Johannes Hartl klar katholische Standpunkte, die nach alter protestantischer Auffassung auch von heutigen Evangelikalen als „Irrlehre“ bezeichnet werden müssten:

  • Schrift und Tradition, Lehramt der Kirche
  • Verehrung und Anrufung Marias, Gebet zu ‚Heiligen‘
  • Sakramente, Wandlung, Mystizismus

Der Generalvikar von Augsburg, der das Gebetshaus und die Arbeit von Johannes Hartl auf Herz und Nieren geprüft hat, fasst die dort gelebte Katholizität wie folgt zusammen:

Als Ergebnis dieser Prüfung wurde festgestellt, dass im Gebetshaus nichts gelehrt und verkündigt wird, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche steht. [67]

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!


3.     MissionManifest

So wie Hartl, trotz seiner grundsoliden katholischen Basis, als Person glaubwürdig bezeugt, dass er nicht das Anliegen hat, Protestanten zu Katholiken zu machen (sondern dass „Menschen sich inniger in Jesus verlieben“), ist es auch nicht Ziel dieses Artikels die Arbeit von Johannes Hartl zu behindern, oder Katholiken für einen Konfessionswechsel zu gewinnen! Vielmehr geht es um …

– die Wahrheitsfrage:

  • ist es gleichgültig, ob ich katholisch denke und glaube? Oder kann es tatsächlich sein, dass das Evangelium durch katholische „Zusätze“ korrumpiert wird?
  • sollte man eine gemeinsame Neuauflage von „Mere Christianity“ (C.S. Lewis) versuchen, die sich auf die gemeinsamen, verbindenden Elemente aller Konfessionen konzentriert und die „trennende“ Elemente vermeidet?
  • besteht wirklich (k)eine geistliche Gefahr, wenn evangelikale Jugendgruppen zu Tausenden zur MEHR-Konferenz pilgern und dort an einer katholischen Messe (!) teilnehmen? [68]
  • oder ist es relativ gleichgültig, da sie dort das Evangelium klarer hören als auf evangelischen Großveranstaltungen und auch noch Argumente für die ein oder andere konservative Sicht auf gesellschaftspolitische Fragen (Abtreibung, Homosexualität) mitbekommen?

Hartls Anspruch jedenfalls ist genau der: es ist völlig egal, welchen konfessionellen Hintergrund jemand hat! Hauptsache er predigt das Evangelium:

Ich betone Themen, die relevant für jeden Menschen, erst recht für jeden Christen sind. Ich betone Themen, in denen jeder Christ übereinstimmen kann, ohne seine konfessionelle Prägung zu verlieren. [69]

Am Beispiel des „MissionManifest“, [70] einer missionarischen Initiative innerhalb der katholischen Kirche, die auf der MEHR vorgestellt wurde, soll an 2 Thesen der 10 Thesen die Problematik einer naiven Zusammenarbeit aufgezeigt werden. [71]

Das Dokument von MissionManifest wird sehr gelobt: und tatsächlich sind die 10 Thesen positive statements; bei der 1. These geht es z.B. um „eine klare Entscheidung“ für Jesus Christus, also um …

– Beispiel 1: Bekehrung

— Uns bewegt die Sehnsucht, dass Menschen sich zu Jesus Christus bekehren. Es ist nicht mehr genug, katholisch sozialisiert zu sein. Die Kirche muss wieder wollen, dass Menschen ihr Leben durch eine klare Entscheidung Jesus Christus übergeben. Sie ist ja weniger eine Institution oder Kulturform als eine Gemeinschaft, mit Jesus in der Mitte. Wer Jesus Christus als seinem persönlichen Herrn nachfolgt, wird andere für eine leidenschaftliche Nachfolge Jesu entzünden.

Das ist natürlich ein super Satz, den alle Evangelikalen unterschreiben könnten. Johannes Hartl scheint es so zu meinen, wie die These dort steht. Aber kann es nicht sein, dass wir auf einer Ebene unterhalb der Semantik zu einem unterschiedlichen Verständnis von „Bekehrung“ kommen? Wie in der Einleitung angekündigt, muss genau das diskutiert werden. In unserer Gemeinde sind z.B. etwa +20 Erwachsene, die als „bloße Katholiken“, teilweise trotz Engagement in der RKK, das Evangelium dort nie (!) gehört hatten.

Nach unserer Auffassung muss man darum fragen, wie der Begriff der „Bekehrung“ ggf. katholisch gefüllt werden kann? Wie kann es sein, dass Johannes Hartl und die Mitinitiatoren überzeugte Katholiken sind – und dies mit dem oben erwähnten „TÜV-Siegel“ des Generalvikars von Augsburg besiegelt wurde – und gleichzeitig Bekehrungsaufrufe ergehen können?

YOUCAT-Initiator Bernhard Meuser, der neben Johannes Hartl federführend beim MissionManifest dabei ist und auf der Bühne der MEHR2108 stand, wurde im „großen kath.net-Interview über MissionManifest“ genau diese Frage [72] zu Recht gestellt:

Sie sagen, es reicht nicht, katholisch sozialisiert zu sein. Könnte man nicht antworten: Ich bin getaufter und gefirmter Christ, warum sollte ich mich denn noch eigens zu Jesus bekehren?

Er antwortet:

Früher genügte es, wenn zuhause gebetet wurde, wenn die Eltern Wert auf den Kirchgang legten und die Sakramente empfingen, damit der Glaube von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Der Religionsunterricht, die Katechese, die christliche Jugendgruppe schufen ein Milieu, in dem es logisch war, dass auch die nächste Generation gläubig wurde.

Also, was heute eine „Bekehrung“ (im Sinne von MissionManifest) bei den nicht fromm sozialisierten (jungen) Leute bewirkt, haben früher die Sakramente und die fromme Tradition allein zu Wege gebracht? Weiter unten folgen im gleichen Interview dann Sätze von B. Meuser, die von uns Evangelikalen wieder lieber zitiert werden:

Klar, dass solche Jugendlichen – wenn sie denn kommen und sich bewusst für Jesus entscheiden (…) Kurz gesagt: Es braucht neue Orte, an denen junge Menschen echte, zeugnisfähige Christen vorfinden und eine freie Entscheidung für Gott fällen können (…)

Was bleibt ist bestenfalls Verwirrung: es muss klar muss sein, dass die Definition von Bekehrung, wenn sie in einem katholischen setting gebracht wird, für die Zuhörer unklar bleiben kann, da der Begriff mit der katholischen Lehre, wie sie in dem Katechismus (KKK) [73] vorfindlich ist, offensichtlich zusammengehen kann und der Zuhörer entsprechendes auch erwarten darf. Wo es früher „ausreichte“ katholisch sozialisiert zu werden, soll es heute mit einem Verständnis von Christwerden zusammenpassen, dass durch eine „Bekehrung“ (Entscheidung) initiiert wird?

Wie ist denn im Katholizismus das Verhältnis von Sakrament und Gnade bestimmt? Wie wird man Christ? Was ist Gnade? Zu all diesen Fragen gibt der Katechismus eine für Katholiken autorative Antwort, die von der protestantischen Auffassung deutlich abweicht!

Die Blogger von biblipedia haben z.B. im Communique von „Bibel und Bekenntnis“ unterschrieben, dass wir „der falschen Lehre“ widersprechen, dass „Menschen durch die Taufe ohne den Glauben an Jesus Christus gerettet werden. (Markus 16,16)“.

Während im Pietismus die Frage, wie sich die Taufe (von Kindern) und der persönliche Glaube („Bekehrung“) zur Errettung verhalten halbwegs „gelöst“ wurde, ist diese Frage im katholischen Katechismus hingegen eindeutig zu Gunsten der Sakramente definiert: die Taufe prägt ein „unauslöschliches Zeichen“ ein; durch die Taufe wird man als „Sohn Gottes“ wiedergeboren:

KKK #1121 Drei Sakramente, die Taufe, die Firmung und die Weihe, verleihen zusätzlich zur Gnade einen sakramentalen Charakter, ein „Siegel„, durch das der Christ am Priestertum Christi teilhat und in unterschiedlichen Ständen und Funktionen der Kirche angehört. Dieses durch den Geist bewirkte Ähnlichwerden mit Christus und der Kirche ist unauslöschlich [Vgl. K. v. Trient: DS 1609. [Vgl. K. v. Trient: DS 1609]; es verbleibt im Christen für immer (…). Diese Sakramente können folglich nicht wiederholt werden. [74]

KKK #1129 Die Kirche sagt, daß die Sakramente des Neuen Bundes für die Gläubigen heilsnotwendig sind [Vgl. K. v. Trient: DS 1604]. Die „sakramentale Gnade“ ist die jedem Sakrament eigene, durch Christus gespendete Gnade des Heiligen Geistes. (…). [75]

KKK #1211 Dieser Analogie entsprechend werden zunächst die drei Sakramente der christlichen Initiation (erstes Kapitel) dargelegt, dann die Sakramente der Heilung (zweites Kapitel) und schließlich die Sakramente, die im Dienst der Gemeinschaft und der Sendung der Gläubigen stehen (drittes Kapitel). (…) In diesem Organismus nimmt die Eucharistie als „Sakrament der Sakramente“ eine einzigartige Stellung ein: „Alle anderen Sakramente sind auf sie als auf ihr Ziel hingeordnet“ (Thomas v. A., s. th. 3,65,3). [76]

KKK #1212 Durch die Sakramente der christlichen Initiation – die Taufe, die Firmung und die Eucharistie – werden die Grundlagen des ganzen christlichen Lebens gelegt. „Durch die Gnade Christi beschenkt, erhalten die Menschen Anteil an der göttlichen Natur. Dabei besteht eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Werden und Wachsen des natürlichen Lebens und mit seiner Stärkung. In der Taufe wiedergeboren, werden die Gläubigen durch das Sakrament der Firmung gefestigt und in der Eucharistie mit dem Brot des ewigen Lebens gestärkt. So werden sie durch die Sakramente der christlichen Initiation immer tiefer in das Leben Gottes hineingenommen und kommen der vollendeten Liebe immer näher“ (Paul VI., Ap. Konst. „Divinæ consortium naturæ“) [Vgl. OICA pranotanda 1-2]. [77]

KKK #1213 Die heilige Taufe ist die Grundlage des ganzen christlichen Lebens, das Eingangstor zum Leben im Geiste [vitæ spiritualis ianua] und zu den anderen Sakramenten. Durch die Taufe werden wir von der Sünde befreit und als Söhne Gottes wiedergeboren; wir werden Glieder Christi, in die Kirche eingefügt und an ihrer Sendung beteiligt [Vgl. K. v. Florenz: DS 1314; CIC, cann. 204, § 1; 849; CCEO, can. 675, § 1]: „Die Taufe ist das Sakrament der Wiedergeburt durch das Wasser im Wort“ (Catech. R. 2,2,5). [78]

Es ist darum richtig, mit einer Portion Reserviertheit die guten Sätze des MissionManifest zur „Bekehrung“ zu betrachten, da nicht klar ist, ob wir vom Gleichen reden: gilt sola gratia und sola fide, oder gibt es Gnade auch durch Sakramente? Auf der Bühne standen einige „Missionsbewegungen“ der katholischen Kirche, die in ihrer Arbeit bisher keineswegs ein evangelikales Verständnis vom Christwerden haben: einfach mal das Video anschauen [79]

  • Wenn enge Mitarbeiter vom MissionManifest getreu der katholischen Lehre schon bei dem Begriff „Bekehrung“ nicht wie die Evangelikalen ticken, wie kann man dann freudig zusammenarbeiten? Doch nur dann, wenn man die Füllung der Begriffe nicht hinterfragt.
  • Will Johannes Hartl uns bewusst auf Glatteis führen? NEIN: er ist davon bewegt, „dass Menschen sich zu Jesus Christus bekehren“! Aber er will (ggf. muss?) gleichzeitig die Lehre der RKK verteidigen, bzw. darf sie nicht verleugnen. Spätestens in der „Nacharbeit“ werden „neue“ Gläubige mit dem katholischen Verständnis verwirrt.

– Beispiel 2: Die Schrift

Ulrich Parzany hat in seinem schon zitierten Artikel zur MEHR-Konferenz und den 10 Thesen des MissionManifest, [80] neben seiner Freude, auch sein Unbehagen formuliert, wenn er sagt:

Ich gestehe aber auch, dass ich sofort das römisch-katholische Haar in der Manifest-Suppe gesucht habe, die mir auf Anhieb so gut schmeckte. (…) Ich weiß ja, warum ich evangelisch und nicht katholisch bin. Ja, ja, in These 7 steht neben der Heiligen Schrift die Überlieferung der Kirche, die im Weltkatechismus der Katholischen Kirche ausführlich beschrieben wird. Da steht leider manches drin, das überhaupt nicht mit der Bibel in Einklang zu bringen ist.  (…). Allein durch die Heilige Schrift wissen wir, dass Jesus Christus allein der Retter der Welt ist. Solus Christus und Sola Scriptura gehören zusammen.

Wenn wir genau lesen ist die 7. These tatsächlich mit deutlichem Konfliktstoff gefüllt:

— Wir müssen die Inhalte des Glaubens neu entdecken und sie klar und mutig verkündigen, sei es nun »gelegen oder ungelegen« (2 Tim 4,2). Wir haben sie durch Gottes Offenbarung empfangen, finden sie gefasst im Urdokument der Heiligen Schrift und lebendig überliefert im Verstehen der Kirche, wie es der Katechismus lehrt. Die Geheimnisse des Glaubens müssen vollständig, ganzheitlich, in rationaler Klarheit und in der Freude der Erlösten verkündigt werden. Sie müssen leuchten. Wer anderen Menschen den Glauben verkünden will, darf nicht dilettieren; er muss zuerst an sich arbeiten – an seinem Leben, an seiner Liebe und an seinem Wissen. Der missionarische Aufbruch erfordert eine neue Lernbewegung des Glaubens, denn wir haben verlernt, was es heißt missionarisch zu sein.

Wo entdecken wir die Inhalte des Glaubens neu? In der Heiligen Schrift und in der Überlieferung der RKK, respektive im KKK: „wie es der Katechismus lehrt“! Zugegeben: das sind Nebensätze, aber sie bleiben im Ergebnis wichtig! Kann sie ein „Protestant“ unterschreiben? Nur, wenn er den KKK nicht gelesen hat …

Positiv ist zunächst, dass Gottes Offenbarung „im Urdokument der Heiligen Schrift“ gefasst ist (abgesehen davon, dass wir nicht einig sind, wie viele Bücher zur „Heiligen Schrift“ gehören, wie die Schrift zu uns kam und wie sie zu interpretieren ist). Der Zusatz jedoch, dass dieses Wort Gottes „lebendig überliefert“ wurde, „im Verstehen der Kirche, wie es der Katechismus lehrt“, verweist natürlich auf das katholische Lehramt und die Gleichsetzung von Schrift und „heiliger Überlieferung“:

KKK #80 „Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu“ (DV 9). Beide machen in der Kirche das Mysterium Christi gegenwärtig und fruchtbar, der versprochen hat, bei den Seinen zu bleiben ,,alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

KKK #82 „So ergibt sich, daß die Kirche„, der die Weitergabe und Auslegung der Offenbarung anvertraut ist, ,,ihre Gewißheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft. Daher sind beide mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit und der gleichen Ehrfurcht anzunehmen und zu verehren“ (DV 9). [81]

Parzany will im o.g. Artikel (wie auch M. Till, u.a.) darauf leider nicht weiter eingehen, weil „seine“ Kirche, da noch viel weiter weg sei:

Das würde ich aber mit größerem Nachdruck kritisieren, wenn nicht in unseren evangelischen Kirchen aktuell auf peinliche Weise die Autorität der Bibel als Maßstab für Glauben, Leben und Lehre missachtet und bestritten würde.

Die Überlieferung der RKK kann aus evangelischer Überzeugung nicht mit gleicher Autorität wie die Heilige Schrift gesehen werden! Hartls demütig klingendes Bekenntnis zum „Glaube der Kirche“ ist klassische katholische Auffassung:

Als Christ bin ich Teil der Kirche und damit Teil eines Glaubens, der eine viel längere Geschichte hat als mein persönlicher Glaube oder meine persönliche Jesus-Beziehung. Dieser Glaube der Kirche ist geprüft und verlässlich. Im persönlichen Bibelstudium kann es auch einmal passieren, dass eine Stelle missverstanden oder falsch interpretiert wird. Der Glaube der Kirche gibt hier Richtung und Sicherheit. [82]

Aber ist der Glaube der katholischen Kirche tatsächlich „geprüft und zuverlässig“? Von wem? Wenn wir weiterhin verneinen, dass der Glaube der katholischen Kirche „geprüft und zuverlässig“ ist müssen konservative Protestanten eine engere Zusammenarbeit in Frage stellen, da man mit Johannes Hartl und dem Gebetshaus

  • bereits über die autorative Quelle der Offenbarung („Schrift“) uneins ist, und
  • beim zentralen Anliegen („Bekehrung“) mindestens ernsthafte Fragen bleiben

4.     Zusammenfassung

Gerade ist das Reformationsjahr 2017 vorbei. In kirchlicher Hinsicht waren die Feiern eher ein Witz, da man in der EKD im Wesentlichen bemüht war, sich vor den Auffassungen der Reformatoren zu drücken. Aber auch in der hier geschilderten Diskussion innerhalb der frommen evangelikalen Szene, Anfang 2018 zur MEHR-Konferenz, scheinen die Grundlagen der Reformation in Vergessenheit geraten zu sein? Dabei entstanden alle ‚Solis‘, der Kern des Protestantismus, in klarer Frontstellung ggü. der Lehre der römisch-katholischen Kirche des 16. Jhdt.:

  • sola Scriptura (allein die Schrift) –  wider die (kath.) „Überlieferung“ / Autorität des Papstes
  • sola Gratia (allein aus Gnade) –  wider menschliche Mitwirkung am Heil
  • sola Fide (allein aus Glauben) –  wider den vermeintlichen Beitrag „Guter Werke“
  • solus Christus (Christus allein) –  wider die fürbittende Rolle der „Heiligen“ und Mariens
  • soli deo Gloria (allein Gott die Ehre) –  wider die Betonung menschlicher Möglichkeit / Leistung

– Katholizismus als System verstehen

Mir scheint, dass manche evangelikale Theologen, das System des Katholizismus nicht erfasst haben; die Padua-Erklärung [83] des „Istituto di Formazione Evangelica e Documentazione“ (IFED) und der Italienischen Evangelischen Allianz hat 1999 die Komplexität des Katholizismus wie folgt charakterisiert:

Ausgangspunkt des Katholizismus ist die thomistische Konzeption des Verhältnisses von „Natur“ und „Gnade“, in die die Idee der Kirche als Fortsetzung der Inkarnation des Gottessohnes eingezeichnet ist. (…) Diese grundlegende Ausrichtung schon in den Voraussetzungen erklärt, warum der Römische Katholizismus kein Gespür für die Tragik der Sünde hat, warum er zu einer optimistischen Sicht der menschlichen Fähigkeiten ermutigt, warum er das Heil als einen Prozess sieht, in dem die Natur vervollkommnet wird, und warum er die Rolle der Kirche als Mittlerin zwischen Mensch und Gott rechtfertigt. [84]

Die Kirche ist in katholischer Lesart bleibende Trägerin des Inkarnationsgeheimnisses. In Ihr vollzieht sich in der Ausübung der Sakramente das Heilsgeschehen bis heute; nicht eine additive, neue Wirklichkeit, sondern das was vor 2.000 Jahre am Kreuz geschehen ist wird neu realisiert.

Nochmal die Padua-Erklärung:

Obwohl es eine beachtliche Unterschiedlichkeit in den Ausdrucksformen gibt, ist der Katholizismus im Grund eine geschlossene Wirklichkeit, deren Grundannahmen feststellbar sind. Jede Analyse, die nicht berücksichtigt, dass der Katholizismus ein System ist, wird Beute eines oberflächlichen und stückwerkhaften Verständnisses des Phänomens. (These 1)

Es wäre darum sehr hilfreich, wenn Johannes Hartl sich zu den strittigen Fragen anders als bisher positionieren würde: Schrift, und Überlieferung, Lehramt, Mariologie, Bekehrung und Sakramente (besonders: Taufe, Messe). Dann würde ggf. klar, dass er „trotzdem“ in der RKK bleibt (wie manche „trotzdem“ noch in der EKD sind). Dann würde er das „Gütesiegel“ der RKK jedoch nicht mehr erhalten und bald die katholische Kirche verlassen (müssen) … – eben eine echte Reformation anstoßen!

Das ist jedoch nach bisheriger Kenntnis gänzlich unrealistisch, denn er hat sich zur Reformation wie folgt festgelegt: [85]

Dass die Kirche des Westens nach fast 1500 Jahren ihre Einheit verlor und seither nie wieder mit einer Stimme gesprochen hat, das ist ein Desaster, das sich fast nicht in Worte fassen lässt. Theologische Streitpunkte hat es in der Kirche immer gegeben. Doch Kirchenspaltung ist vielleicht noch schlimmer als Irrlehre. Denn solange man in einer Kirche miteinander spricht und um die Wahrheit ringt, kann Irrlehre auch korrigiert werden. Wenn sich die Wege erst einmal endgültig getrennt haben, werden die lehrmäßigen Gegensätze betoniert. An der Kirchenspaltung haben definitiv beide beteiligten Seiten Mitschuld. Die katholische Fraktion wahrscheinlich die größere.

Auch in seinem Bibelverständnis [86] bleibt Johannes Hartl weit entfernt von der Reformation:

Mein Bibelverständnis in 3 hoch komplexen Sätzen:

im Zweifelsfall glaub ich grundsätzlich das, was da steht ohne es zurecht zu biegen.

die Bibel korrigiert und ergänzt sich selbst: je öfter, je expliziter und je deutlicher etwas auch im NT steht, desto klarer wissen wir es

im Zweifelsfall glaub ich, dass die Tradition es richtig gesehen hat; dass alle es 1900 Jahre lang falsch gesehen haben, bis auf einmal wir Erleuchteten kamen, halte ich für wenig plausibel. (…)

Mit diesen verinnerlichten Denkvoraussetzungen zu Kirche und Schrift, die er – zusätzlich zu der mystischen Erfahrung – mitbringt, bleibt Johannes Hartl vsstl. sehr bewusst ein Kind der katholischen Kirche. Und innerhalb dieses Paradigmas ist seine „Entscheidung“ auch „logisch“ und nachvollziehbar!

Helge Stadelmann hat in seinem Vorwort zur Padua-Erklärung festgestellt, dass es nicht leicht ist,

den Katholizismus in seiner Vielgestaltigkeit, seinen unveränderlichen Grundlagen und zugleich seinem freundlich vereinnahmenden Zugehen auf Vertreter anderer Kirchen und Religionen zu durchschauen. Pauschales Polemisieren hilft hier nicht weiter, sondern sorgsames Verstehen und nüchternes Eintreten für die Wahrheit. [87]

– keine fromme Rechthaberei

Niemand will unnötigen Streit – erst Recht nicht, wenn es um „peanuts“ ginge! Trotzdem haben konservative Evangelikale zu Recht im oben zitierten Communique „Bibel- und Bekenntnis“ gegen die Auflösungstendenzen innerhalb der Evangelikalen festgehalten, dass man nicht sagen kann, „weil Jesus ein „Liebhaber“ und kein „Rechthaber“ gewesen sei“,

dürfe es auch keinen offenen, energischen Streit um die Wahrheit geben, wie er aber bei Jesus, bei den Aposteln, bei den Reformatoren und den Vätern der Barmer Erklärung stattfand

Es muss gerade für theologisch konservativer Christen möglich sein, sich respektvoll über grundlegenden Fragen unseres Glaubens auch mit katholischen Werken auseinandersetzen – es braucht wieder verstärkt einen fair ausgetragenen Kampf um die Wahrheitsfrage! Auf der anderen Seite dürfen wir nicht engherzig und besserwisserisch sein / bleiben / werden: eine echte Gratwanderung!

Ich behaupte nicht, dass es nicht sein kann, dass Johannes Hartl den Herrn kennt (wer bin ich?). Auch verneine ich nicht, dass Hartl sich schon seit Jahren öffentlich mit Siegfried Zimmer angelegt hat, die Evangelikalen an Ihre ursprüngliche Ehrfurcht vor Gottes Wort erinnert und mit seltener Deutlichkeit vor postmoderner Theologie (und z.B. Vertretern wie Richard Rohr) warnt [88] … – Ja, man kann viel von ihm lernen!

Aber, wogegen ich mich wehre, ist, dass wir die Augen davor verschließen, dass er sehr bewusst katholisch geblieben ist und die Inhalt seiner Kirche zumindest auch (!) öffentlich vertritt. Dies stellt einen so grundlegenden geistlichen Konflikt dar, dass man seine Bücher und Veranstaltungen nicht empfehlen sollte, auch wenn man neidisch auf seinen „Erfolg“ schaut …

Ulrich Parzany’s Wunsch in dem o.g. Artikel:

Ich bete mit dafür, dass durch diesen Aufbruch in der Katholischen Kirche viele Menschen Jesus Christus als ihren Retter und Herrn kennen lernen und sich zu ihm bekehren.

Das sollten wir alle tun: etwas ganz anderes aber ist es, Johannes Hartl als Redner auf evangelikale Kongresse zu laden [89], die MEHR-Konferenz blauäugig zu empfehlen, oder gar naiv mit der eigenen Jugendgruppe dorthin zu pilgern …

Möge der Herr Johannes Hartl reichlich segnen und eine Erweckung innerhalb der katholischen Kirche auslösen. Mögen die so Erweckten sich dann aber auch neu auf die Schrift besinnen und die falschen Lehren in ihrer Kirche ausmisten – und wenn das nicht geht: diese verlassen!

Wenn wir dem Evangelium etwas hinzufügen, besteht die Gefahr, dass es sich zerlegt (Gal 1,8)!

18 Und dem Engel der Gemeinde in Thyatira schreibe: Dies sagt der Sohn Gottes, der Augen hat wie eine Feuerflamme und Füße gleich glänzendem Erz: 19 „Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und dein Ausharren und weiß, dass deine letzten Werke mehr sind als die ersten. 20 Aber ich habe gegen dich, dass du das Weib Isebel gewähren lässt, die sich eine Prophetin nennt und meine Knechte lehrt und verführt, Unzucht zu treiben und Götzenopfer zu essen.“ (…)

24 „Euch aber sage ich, den Übrigen in Thyatira, allen, die diese Lehre nicht haben, welche die Tiefen des Satans, wie sie es nennen, nicht erkannt haben: Ich werfe keine andere Last auf euch. 25 Doch was ihr habt, haltet fest, bis ich komme!“ (…)

29 „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ [90]

Martin Luthers letzten Worte ermahnen zur Demut [91]

Die heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt zu haben, wenn er nicht hundert Jahre mit den Propheten die Kirche regiert hat.

Deshalb ist es ein ungeheures Wunder erstens mit Johannes dem Täufer, zweitens mit Christus, drittens mit den Aposteln. Du versuche nicht, diese göttliche Aeneis zu erforschen, sondern bete gebeugt ihre Spuren an. Wir sind Bettler, das ist wahr.


5.     Quellen

  • Deutsche Bischofkonferenz (Hrsg.), „Katechismus der Katholischen Kirche: Kompendium – Taschenbuch“ (Pattloch, 2005, 256 Seiten); vgl.: „Katechismus der Katholischen Kirche“ (ungekürzte Fassung: Oldenbourg, 1997); vgl. die offizielle Webseite des Vatikans: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_INDEX.HTM
  • Keith A. Fournier, „Evangelical Catholics“ (Thomas Nelson)
  • Johannes Hartl und Leo Tanner, „Katholisch als Fremdsprache: Einander verstehen – Gemeinsam vorwärts gehen“ (2015: WeG Verlag, 158 Seiten)
  • Johannes Hartl, „In meinem Herzen Feuer“ (ebook)
  • Johannes Hartl, „An die geschätzten Protestanten unter meinen Kritikern“ (vgl.: https://johanneshartl.org/an-die-geschaetzten-protestanten-unter-meinen-kritikern/)
  • Michael Kotsch, „Johannes Hartl: Werbung für Charismatik und römisch-katholische Kirche“ (Bibel und Gemeinde 117, Band 2 (2017), Seite 23-38); vgl.: https://bibelbund.de/2017/06/werbung-fuer-charismatik-und-roemisch-katholische-kirche/
  • James G. McCarthy, „Das Evangelium nach Rom – Eine Gegenüberstellung der katholischen Lehre und der Heiligen Schrift“ (Bielefeld: CLV, 1996 / 20102, 446 Seiten)
  • James G. McCarthy, „Letters Between a Catholic and an Evangelical“ (Harvest House Publishers, 2003, 432 Seiten)
  • Josef Neuner – Heinrich Roos (Hrsg.) „Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung“ (Regensburg: Pustet, 199213)
  • Joseph Kardinal Ratzinger, „Aus meinem Leben: Erinnerungen“ (DVA; 19985)
  • Andreas Schnebel, „Johannes Hartl – Brückenkopf zwischen Katholizismus und Evangelikalismus“ (Artikel auf brink4.com)
  • Antonio Spadaro SJ, „Das Interview mit Papst Franziskus“ (Herder: 20132)
  • Helge Stadelmann (Hrsg.), „Die Padua-Erklärung: ein Evangelikaler Ansatz zum Verständnis des Römischen Katholizismus“ (in: Bibel und Gemeinde 101, Band 1 (2001), Seite 64-70)
  • Hanniel Strebel, „„Diskussion um die Hartl-Begeisterung: Wir sind es nicht mehr gewöhnt, um inhaltliche Positionen zu ringen“; vgl. http://hanniel.ch/2018/01/09/diskussion-um-die-hartl-begeisterung-wir-sind-es-nicht-mehr-gewoehnt-um-inhaltliche-positionen-zu-ringen
  • Howard Thomas, „Evangelical is Not Enough“ (Ignatius Press: 2000)

6.     Fußnoten