Gegen Ramelows Großstadtmythos: Evangelikale erschießen keine Abtreibungsärzte

22. August 2016 von Thomas Schirrmacher

Quelle: http://www.thomasschirrmacher.info/archives/6206

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) sagte in der ZDF-Fernsehsendung „Maybrit Illner“ vom 31. März zum Thema „Terrorismus: Was tun gegen islamistische Gewalt?“ etwa in der Mitte der Sendung:

„In Amerika gibt es selbst ernannte Evangelikale, die der Meinung sind, sie könnten Abtreibungsgegner [gemeint sind wohl Abtreibungsbefürworter] oder Abtreibungskliniken überfallen und Menschen umbringen, erschießen, die sich für Abtreibung einsetzen.“

Was sind denn „selbst ernannte Evangelikale“? Aber das war wohl eh ein Versprecher. Jedenfalls bringt er wieder einmal Evangelikale mit Mördern von Abtreibungsärzten in Verbindung.

Also habe ich mir – wie für ein ausführliches Gutachten 2008 und erneut 2009 – wieder alle Daten und Ereignisse angeschaut, ob denn zwischenzeitlich wenigstens ein einziges Mal ein Evangelikaler verdächtigt worden ist, einen Abtreibungsbefürworter umgebracht zu haben. Immer noch gibt es keinen einzigen Fall!

Ramelow zitiert eindeutig einen Großstadtmythos, der sich längst verselbstständigt hat. Einer zitiert den anderen, keiner sieht, dass am Anfang der ‚Reise zu Jerusalem‘ überhaupt kein Ereignis steht.

Erst einmal allgemein zu Fällen von Morden im Zusammenhang mit Überfallen auf Abtreibungskliniken. Seit 1998 gab es einen einzigen Fall von 2009 und dann einen weiteren unklaren Fall von 2015. Das soll eine Parallele zum islamistischen Terrorismus sein? So furchtbar jeder Mord ist, für die USA ist das eine erstaunlich geringe Zahl!

Geht denn wenigstens der Fall von 2015 auf das Konto von Christen? Nein, jedenfalls behauptet das niemand in den Medien, in den Polizeiverlautbarungen, der anklagenden Staatsanwaltschaft oder auch in den Berichten der großen Pro-Abtreibungsverbände und Abtreibungsklinikbetreiber in den USA. Der Prozess wurde abgebrochen, da der Täter offensichtlich in ein psychiatrisches Krankenhaus, nicht vor Gericht gehört.

Auch 2016 muss man sagen: Es handelt sich um ein Problem der USA. Seit 2009 sind außerhalb der USA keine Fälle bekannt geworden, auch nicht in Kanada und Australien, wo es so etwas früher in Einzelfällen einmal gab. Bisher gehen 99% aller solcher Fälle auf das Konto der USA.

Was geschah am 29.11.2015? Es gab drei Tote und neun Verletzte bei einer Schießerei in einer Abtreibungsklinik in Colorado Springs, die in einem Einkaufszentrum liegt. Der Täter gab erst nach einer stundenlangen Belagerung durch die Polizei auf. Der Täter ist seit 1997 wegen Gewaltakten aufgefallen. Am 11.05.2016 beendete das Gericht den Prozess wegen offensichtlicher Unzurechnungsfähigkeit des Täters, er sei nicht in der Lage Fiktion und Realität zu unterscheiden. Ein religiöser Hintergrund wurde von niemandem behauptet. Dass er auch Bibelverse zitiert hat, ist für psychiatrische Patienten nicht ungewöhnlich.

Wo bitte schön ist hier die Verbindung zu Evangelikalen oder Christen überhaupt?

Bereits in meinem Bericht von 2008 gehe ich ausführlich auf Berichte bzw. Statistiken ein, die die National Abortion Federation, die Lobby für Abtreibungseinrichtungen NARAL Pro Choice oder Feminist Majority Foundation (FMF) jährlich veröffentlichen. In ihnen werden auch alle Mordfälle und alle schwerwiegenden Fälle von Anschlägen auf Abtreibungskliniken aufgelistet, dazu die Hintergründe der Täter. Beide sind nicht gerade Christen-freundlich, geschweige gut auf Evangelikale zu sprechen, und beides sind tendenziöse Berichte. (Wobei aber durchaus berichtet wird, dass sich evangelikale Pro-Life-Verbände in jedem Fall scharf von dieser Art Verbrechen distanziert haben.)

Trotzdem machen weiterhin auch die 2016 veröffentlichten Berichte für 2015 und davor in keinem Fall evangelikale oder katholische Christen für eine Straftat verantwortlich. [National Abortion Federation: April 2016, Statistik für 2015, VIOLENCE AND DISRUPTION STATISTICS; NARAL: Fact sheet vom 1.1.2016.] Woher der Großstadtmythos dann stammt?

Zusammenfassend kann man sagen:

Seit 1977 gab es 11 Morde in Abtreibungskliniken oder an Abtreibungsärzten, also etwas mehr als jedes vierte Jahr ein Fall. Seit 1995 sind es 6 Todesopfer, wobei 3 Morde auf eine Schießerei und Belagerung zurückgehen, die möglicherweise nichts mit dem Thema Abtreibung zu tun hatte, da die Klinik in einem Einkaufszentrum lag. Lässt man diese 3 Opfer außen vor, sind es 3 Morde in 20 Jahren, also jedes sechste Jahr einer.

Der mit Abstand häufigste Grund der Täter ist Unzurechnungsfähigkeit, gefolgt von Angehörigen von weißen Terrorgruppen. Christen und christliche Kirchen spielen keine Rolle.