Image processed by CodeCarvings Piczard ### FREE Community Edition ### on 2016-03-18 14:19:52Z | http://piczard.com | http://codecarvings.com

Im Calvin-Jahr (2009), dass – ähnlich wie vor 2 Jahren das Lutherjahr (2017) – in aller Munde war, wollten wir als Familie von unserem Urlaub in Süd-Frankreich über die Schweiz zurückfahren, um am Genfer See, zu Füßen des Reformators einen Imbiß zu nehmen (immerhin) …

Abgesehen davon, dass uns der 50,- Franken-Schein (CH), den wir dabei hatten, an der Maci-Autobahn-Raststätte (mit 4 Kindern) nicht weit brachte – gut, dass wir nie in der teuren Schweiz im Urlaub waren – landeten wir am südlichen Ende des Genfer Sees, anstatt beim Reformator Calvin (1509-64), zu guter Letzt bei der Statue des, 200 Jahre jüngeren, Jean-Jacques Rousseau (1712-78) – o, sinnige Ironie der Geschichte …

Rousseau: Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben; […]

– Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Reclam, 1998, S. 115 ff., Anmerkung IX) , in https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Jacques_Rousseau#Menschenbild

Dieses humanistische Menschenbild ist so ziemlich das krasse Gegenteil der Auffassung des Genfer Reformators. Aber irgendwie sah das vermeintliche ‚Calvin‘-Standbild am Genfer See, vom weiten ganz ähnlich aus … – manchmal ähneln sich Humanisten und Reformatoren dann doch mehr als man zugeben möchte … – mindestens aus der Ferne. – Aber, was hat das mit Zwingli zu tun?

2019 jährt sich das 500 jährige Jubiläum, wo Zwingli dem Ruf als ‚Leutpriester‘ an das Zürcher Grossmünster folgte. Der Deutschlandfunk brachte am 08.08.2019 eine interessante Sendung, auf die ich hier gerne verweise, denn sonst landen wir beim nächsten Besuch in Zürich noch sonstwo, denn von ‚Huldrych‘ weiß man als midstream-Evangelikaler leider kaum was – auch nicht von seiner ‚Ähnlichkeit‘ zum o.g. Humanismus …

Weltgeschichtlich wichtige Weichenstellung

In der Schweiz wird 500 Jahre Reformation gefeiert. Die Kirche könne vom Reformator Ulrich Zwingli lernen, dass die Gottesfrage zentral sei, sagte die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg im Dlf. „Wir sind drauf und dran, das vor lauter zivilreligiösem Engagement zu verspielen.“

https://www.deutschlandfunk.de/500-jahre-zwingli-in-zuerich-weltgeschichtlich-wichtige.886.de.html?dram:article_id=455693

Für mich war an der Sendung interessant, über die sozialen Hintergründ der Reformer nachzudenken:

  • Zwingli (der im eigentlichen Sinn nicht Theologie studierte), kam als ländlicher Gemeindepfarrer nach Zürich, während
  • Calvin der Jurist, Luther (Universitäts-) Theologe und Mönch war, der mit den deutschen Fürsten zu tun hatte, und
  • Thomas Cranmer wiederum als Erzbischof wirkte …

Sehr unterschiedliche und offenbar auch einflußreiche Prägungen von geistig verwandten Männern, deren Bedeutung ich noch mehr ’nachdenken‘ möchte. Was prägt unsere Theologie?

Zwingli war z.B. sehr stark von der Stadtpolitik Zürichs und ihren prakt. Bedürfnissen geprägt:

Er hat sich von Anfang an sehr mit den politischen Belangen seiner Gemeinde befasst – und überhaupt des Schweizer Volkes, wie er gelegentlich sagt. Seine erste Schrift ist eine Schrift, die einem politischen Thema gewidmet ist, dem Söldnerdienst.

Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg im o.g. Interview

D. Wendebourg verweist auch auf die regionalen Unterschiede innerhalb der reformierten Gebiete des deutschspachigen Europas:

Wir verpassen die Reformation in ihrer Vielfalt wirklich wahrzunehmen – und zwar in ihrer schon ganz früh angelegten Vielfalt der theologischen, aber auch der sozialen, der politischen und kulturellen Varianten.
Wir haben ja schon innerhalb Deutschlands eine große Vielfalt der Reformationen – Stadtreformation, Territorialreformation und so weiter und so fort. Und das gilt natürlich erst recht für Südwestdeutschland und die Schweiz – das muss man hier fast zusammennehmen – sozusagen für das Dreieck Augsburg, Straßburg, Zürich. Das sind andere Typen von Reformation, die da gelaufen sind. Und das berücksichtigen wir in der Öffentlichkeit zu wenig.

(…)
… der politisch-soziale Hintergrund in Zürich, überhaupt in der Schweiz, ist ein sehr anderer als etwa bei Luther, der aus einem Territorialfürstentum kommt, wo es selbstverständlich ist, die politische Musik spielt am Hof. Während die südwestdeutschen – wir sagen auch oberdeutschen – Städte – Straßburg, Augsburg, Ulm – und auch die Schweizer Städte – Zürich – von vornherein eine politische Struktur haben, wo über die Räte ein ziemlich hohes Maß politischer Partizipation bestimmter Familien – es sind nicht alle – und da wiederum der Männer natürlich nur – gegeben ist.

Zwingli vertritt keine ‚Zwei-Reiche-Lehre‚; bei ihm ist die Bibel in der einen und das Schwert in der anderen Hand …

Also, die Zwei-Reiche- oder Zwei-Regimenten-Lehre, das ist etwas, was Luther und Calvin vertreten, die zwar beide durchaus auch zu politischen Fragen Stellung nehmen, aber dieses dann tun, wenn sie den Eindruck haben, das ist notwendig. Eigentlich ist es mein Geschäft nicht, aber es spricht kein anderer. Dann tun sie das.
Aber für Zwingli gehört das genuin zum Theologe-, zum Pfarrer-Sein dazu. Er sagt, der Christ ist zugleich Bürger und der Bürger ist zugleich Christ. Das kann ich gar nicht auseinandernehmen. Ich bin das eine wie auch das andere.

Es ist tatsächlich eine seltsame Blüte des Humanismus, die sich hier laut D. Wendebourg bei Zwingli zeigt:

(…) das ist in der Tat Zwinglis Cantus firmus, das unüberbrückbare Gegenüber von Gott und Welt, Gottes Wort und Menschenwelt und dergleichen mehr. Das ist eine doppelte Erbschaft, die er auf der einen Seite aus bestimmten spätmittelalterlichen Traditionen übernommen hat, zum anderen aus dem Humanismus, dem er sehr viel verdankt.
(…) Zum Beispiel Erasmus von Rotterdam. Sodass wir bei allen Reformatoren, die stark vom Humanismus beeinflusst sind, eine Tendenz finden, Gott und Mensch stark in Distanz zu sehen.
(…) Das hat bei Zwingli die Folgen, dass er sagt, Gnadenmittel gibt es eigentlich nicht, wenn ich unter Gnadenmittel etwas Geschaffenes verstehe, das zum Träger der göttlichen Zuwendung wird. Das hörbare Wort zum Beispiel, das hörbare Evangelium.
Für Luther war es immer wichtig zu sagen, das Wort ist nicht einfach eine geistige Größe, sondern das Wort ist ein akustisches Phänomen, ein sinnlicher Eindruck, der auf mich stößt und in mir Einsicht entwickelt mit Hilfe des Heiligen Geistes. Deswegen die große Betonung etwa auch der Musik und dergleichen mehr. Zwingli sagt: Nein, das Wort kann nur unmittelbar geistige Vorgänge nachträglich abbilden. Genauso bei der Taufe oder beim Abendmahl.

Zwinglis erste Schrift gilt dem Söldnerdienst – sein Lebensende findet er auf dem Schlachtfeld (Schlacht bei Kappel, am Albis) – auch wenn ich einigen Ansätzen von D. Wendebourg nicht zustimmen kann (Humanismus als Mit-‚Ursache‘ einer Tendenz Gott und Mensch stark in Distanz zu setzen), finde ich die Hinweise auf die unterschiedlichen sozialen Herkünfte der Reformatoren einen beachtenswerten Einblick, den es weiter zu denken gilt: dies auch im Hinblick auf das heutige Bemühen im 21. Jhdt. eine ‚bibeltreue‘ Position (neu) zu begründen …
Interesse auf den gesamten Artikel bekommen?