Anläßlich der o.g. Veranstaltung haben wir den Titel gebenden Text der Reformanda-initiative – gegeben „am Vorabend“ der 500. Jahrfeier der Reformation – übersetzt:

01.11.2016

Eine Erklärung evangelikaler Überzeugungen

Am Vorabend des 500. Jahrestages der Reformation haben evangelikale Christen auf der ganzen Welt die Möglichkeit, das Vermächtnis der Reformation neu zu reflektieren, sowohl für die weltweite Kirche Jesu Christi als auch für die Entwicklung der evangelistischen Arbeit. Nach Jahrhunderten der Kontroversen und der angespannten Beziehungen zwischen Evangelikalen und Katholiken hat die ökumenische Freundlichkeit der letzten Zeit für einige Führer in beiden Lagern hinreichende Bedingungen geschaffen, um zu beanspruchen, dass die Reformation so gut wie vorbei ist – ja, dass die primären theologischen Meinungsverschiedenheiten, die im sechzehnten Jahrhundert zum Bruch des westlichen Christentums führten, mittlerweile gelöst sind.

Warum einige argumentieren, dass die Reformation vorbei ist

Zwei Hauptgründe werden allgemein zur Stützung der Behauptung angeführt, dass die Reformation vorbei sei:

  1. Die Herausforderungen für Christen weltweit (z.B. Säkularismus und Islam) sind so beängstigend, dass Protestanten und Katholiken es sich nicht mehr leisten können, gespalten zu bleiben. Ein vereintes Zeugnis (mit vielleicht dem Papst als führendem Sprecher?) würde dem globalen Christentum sehr zugute kommen.
  • Die historischen theologischen Spaltungen (über z.B. Errettung allein durch Glauben, die finale Autorität der Bibel, der Primat des Bischofs von Rom) werden als nennenswerte Unterschiede in der jeweiligen Betonung, aber nicht als scharfe Punkte der Spaltung und des Widerspruchs betrachtet, welche Einheit verhindern.

Die kumulative Kraft dieser Argumente hat die Art und Weise, wie einige Evangelikale die römisch-katholische Kirche verstehen und bewerten, aufgeweicht.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass der globale Evangelikalismus im letzten Jahrhundert explosionsartig gewachsen ist, während das für den römischen Katholizismus nicht gilt. Die Tatsache, dass Millionen von Katholiken in den letzten Jahren zu Evangelikalen geworden sind, ist von den römisch-katholischen Führern nicht unbemerkt geblieben. Sie versuchen, strategisch auf diesen Verlust ihrer Gläubigen zu reagieren, indem sie traditionelle evangelikale Sprache (z. B. Bekehrung, Evangelium, Mission und Barmherzigkeit) übernehmen und einen ökumenischen Dialog mit Kirchen etablieren, die sie einst verurteilt haben. Es gibt jetzt eher freundschaftliche Beziehungen und Dialoge zwischen Katholiken und Protestanten, wo es einst Verfolgung und Feindseligkeit gab. Aber die Frage bleibt: Sind die grundlegenden Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten/Evangelikalen verschwunden?

Ist die Reformation vorbei?

In all ihren Varianten und zuweilen gegensätzlichen Tendenzen, war die protestantische Reformation letztlich ein Aufruf, (1) die Autorität der Bibel über die Kirche wiederzuerlangen und (2) die Tatsache, dass uns das Heil allein durch den Glauben geschenkt wird, neu wertzuschätzen.

Wie vor fünf Jahrhunderten ist der Katholizismus ein religiöses System, das nicht auf der Schrift allein beruht. Aus katholischer Sicht ist die Bibel nur eine Autoritätsquelle, aber sie steht weder für sich allein, noch ist sie die höchste Quelle. Nach dieser Ansicht geht die Tradition der Bibel voraus, ist größer als die Bibel und wird nicht allein durch die Schrift offenbart, sondern durch die fortwährende Lehre der Kirche und ihrer gegenwärtigen Agenda, was auch immer das sein mag. Da die Schrift nicht das letzte Wort hat, bleiben die katholische Lehre und Praxis offen und sind daher in ihrem zentralen Kern undurchsichtig.

Diese theologische Methode wird durch Roms Verkündung von drei Dogmen (d.h. verbindlichen Glaubensüberzeugungen) ohne biblische Unterstützung eindrucksvoll veranschaulicht. Es sind dies, das Dogma von 1854 von Marias unbefleckter Empfängnis, das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit von 1870 und das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens (in den Himmel) von 1950. Diese Dogmen stellen keine biblische Lehre dar und widersprechen ihr in der Tat eindeutig. Innerhalb des katholischen Systems spielt dies keine Rolle, weil es sich nicht allein auf die Autorität der Schrift stützt. Es kann zwei Jahrtausende dauern, ein neues Dogma zu formulieren, aber da die Schrift nicht das letzte Wort hat, kann die katholische Kirche schließlich solche Neuheiten annehmen.

In der Lehre vom Heil haben viele den Eindruck, dass es eine wachsende Übereinstimmung in Bezug auf die Rechtfertigung durch den Glauben gibt und dass die Spannungen zwischen Katholiken und Evangelikalen seit dem sechzehnten Jahrhundert erheblich nachgelassen haben. Auf dem Konzil von Trient (1545-1563) reagierte die römisch-katholische Kirche scharf auf die protestantische Reformation, indem sie diejenigen mit dem „Anathema“ (verflucht) belegte, die die Rechtfertigung allein durch den Glauben aufrechterhielten, als auch indem sie die Lehre bekräftigte, dass die Errettung ein Prozess sei, der darin besteht, mit der eingeflößten Gnade zu kooperieren und nicht ein Akt, der auf Gnade allein, mittels des Glaubens allein, gegründet ist.

Einige argumentieren, dass die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die von der römisch-katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund 1999 unterzeichnet wurde, die Kluft überbrückt habe. Das Dokument ist zwar bisweilen freundlich bezüglich einem biblischeren Rechtfertigungsverständnis, bekräftigt aber ausdrücklich die Rechtfertigungsauffassung des Konzils von Trient. Alle seine Verurteilungen der historischen protestantischen / evangelikalen Überzeugungen bestehen weiterhin; sie gelten nur nicht für diejenigen, die die verschwommene Position der Gemeinsamen Erklärung bestätigen.

Wie schon in Trient, ist auch in der Gemeinsamen Erklärung die Rechtfertigung ein Prozess, der durch ein Sakrament der Kirche (Taufe) herbeigeführt wird; sie wird nicht allein durch Glauben empfangen. Es ist eine Reise, die vom Gläubigen einen Beitrag fordert und eine kontinuierliche Teilnahme am sakramentalen System benötigt. Da es kein Verständnis dafür gibt, dass die Gerechtigkeit Gottes dem Gläubigen durch Christus zugerechnet wird, kann es auch keine Gewissheit der Errettung geben. Darüber hinaus offenbart sich die Auffassung der römisch-katholischen Kirche durch den fortgesetzten Gebrauch des Ablasses (d.h. der Erlass der zeitlichen Bestrafung der Sünde, welche die Kirche zu besonderen Anlässen zugeteilt hat). Es war die Theologie der Ablässe, die die Reformation auslöste, aber dieses System wurde zuletzt von Papst Franziskus im „Jahr der Barmherzigkeit“ (2015-2016) ausgerufen. Dies zeigt, dass die grundlegende Heilsauffassung der römisch-katholischen Kirche, auch nach der Gemeinsamen Erklärung weiterhin von der Vermittlung der Kirche, der Verteilung der Gnade durch ihre Sakramente, der Fürsprache der Heiligen und dem Fegefeuer abhängt und förmlich verankert ist.

Blick nach vorn

Was für die römisch-katholische Kirche als lehrmäßige und institutionelle Realität gilt, ist nicht notwendiger Weise in Bezug auf einzelne Katholiken wahr. Gottes Gnade ist am Werk bei Männern und Frauen, die umkehren und auf Gott allein vertrauen, die auf Gottes Evangelium antworten, indem sie als christliche Jünger leben, die danach streben, Christus zu erkennen und ihn bekannt zu machen.

Aufgrund seiner nicht hinterfragten dogmatischen Behauptungen und seiner komplexen politischen und diplomatischen Struktur, sollte jedoch viel mehr Sorgfalt und Umsicht im Umgang mit der institutionellen Katholische Kirche walten. Aktuelle Initiativen zur Erneuerung von Aspekten des katholischen Lebens und der Anbetung (z.B. die Zugänglichkeit zur Bibel, liturgische Erneuerung, die wachsende Rolle der Laien, die Charismatische Bewegung) deuten in sich selbst noch nicht darauf hin, dass die römisch-katholische Kirche sich zu einer substanziellen Reform im Einklang mit dem Wort Gottes verpflichtet hat.

In unserer globalen Welt fördern wir die Zusammenarbeit zwischen Evangelikalen und Katholiken in Bereichen von gemeinsamer Verantwortung, wie dem Schutz des Lebens und die Förderung der Religionsfreiheit. Diese Kooperation erstreckt sich auch auf Menschen anderer religiöser Orientierungen und Ideologien. Wo gemeinsame Werte in ethischen, sozialen, kulturellen und politischen Fragen auf dem Spiel stehen, sollen Anstrengungen zur Zusammenarbeit gefördert werden. Wenn es jedoch darum geht, die missionarische Aufgabe zu erfüllen, das Evangelium Jesu Christi der ganzen Welt zu verkünden und auszuleben, müssen die Evangelikalen bei der Bildung gemeinsamer Plattformen und Koalitionen darauf achten, um des Evangeliums willen klare Standards zu behalten.

Die Position, die wir hier artikuliert haben, ist ein Spiegelbild historischer evangelikaler Überzeugungen mit ihrer Leidenschaft für die Einheit unter den Gläubigen in Jesus Christus, gemäß der Wahrheit des Evangeliums. [1]

Die Fragen, die vor fünfhundert Jahren die Reformation hervorbrachten, sind auch im 21. Jahrhundert für die ganzen Kirche weiterhin sehr lebendig. Während wir alle Gelegenheiten begrüßen, diese Fragen zu klären, bekräftigen die Evangelikalen mit den Reformatoren die grundlegende Überzeugung, dass unsere letzte Autorität die Bibel ist und dass wir allein durch den Glauben gerettet werden.

Quelle:

Die Reformanda-Initiative ist eine Organisation, die sich in erster Linie aus europäischen Evangelikalen zusammensetzt, aber nicht auf diese demographische Gruppe beschränkt ist, die versucht, Evangelikale über den andauernden Charakter der Reformation zu informieren.


[1] Diese Grundüberzeugungen werden in offiziellen Papieren der beiden globalen evangelikalen Organisationen, der World Evangelical Fellowship und der Lausanner Bewegung, zum Ausdruck gebracht.

Nachdem sie Themen wie Mariologie, Autorität in der Kirche, Papsttum und Unfehlbarkeit, Rechtfertigung durch den Glauben, Sakramente und die Eucharistie sowie die Mission der Kirche behandelt hatte, lautete der zusammenfassende Kommentar der Weltweiten Evangelischen Allianz: „Die Zusammenarbeit in der Mission zwischen Evangelikalen und Katholiken wird durch „unüberwindbare“ Hindernisse ernsthaft behindert“.

“World Evangelical Fellowship: Evangelical Perspective on Roman Catholicism” (1986) in Paul G. Schrotenboer (ed.), Roman Catholicism: A Contemporary Evangelical Perspective  (Grand Rapids: Baker, 1987, p. 93).

Diese Sichtweise spiegelt sich im Lausanner Occasional Paper on Christian Witness to Nominal Christians among Roman Catholics von 1980 und in einem Kommentar des Erstautors des Lausanner Komitees, John Stott wider: „Wir sind bereit, mit ihnen (römischen Katholiken, Orthodoxen oder liberalen Protestanten) in guten Werken des christlichen Mitgefühls und der sozialen Gerechtigkeit zusammenzuarbeiten. Gerade wenn wir eingeladen sind, mit ihnen zu evangelisieren, befinden wir uns in einem schmerzlichen Dilemma, denn das gemeinsame Zeugnis erfordert einen gemeinsamen Glauben, und die Zusammenarbeit in der Evangelisation hängt von der Übereinstimmung über den Inhalt des Evangeliums ab“.

Lausanne Committee for World Evangelization, “Lausanne Occasional Paper 10 on Christian Witness to Nominal Christians among Roman Catholics” (Pattaya, Thailand, 1980); John Stott, Make the Truth Known: Maintaining the Evangelical Faith Today (Leicester, UK: UCCF Booklets, 1983, pp. 3–4)